Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- II (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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zustellen schien, das auch die letzte Brücke, die zur Welt der Väter führte, abzubrechen schien, dieses Gefühl der Körperlichkeit zwang die Jugend, die es nicht in seinen historischen Verknüpfungen erkannte, sich eine eigene Welt aufzubauen, alles ihr nicht irgendwie Adäquate unbedingt zu verneinen, sich zu isolieren. Man glaubt sich in jedem Sinne „erstmalig", man übersieht die entwicklungsmäßigen Bindungen zur Vergangenheit; und so ist man von der Allmacht, von dem Primat des eigenen, scheinbar durch keinerlei geistesgeschichtliche Voraussetzungen bedingten Wesens überzeugt und strebt man nach einem neuen, noch nie dagewesenen Typ des homo sapiens, nach geistiger Gestaltung ureigenster Art. So verwechselt man Ursache und Wirkung und erklärt den Geist als Folge, als Ausstrahlung des Wesens, ohne zu erkennen, daß das Geistige, wie es anfangs dargestellt wurde, seinerseits Welt- und Lebensanschauung des Menschen erst bedingt. Auf der geistigen Grundlage, die der Wandervogel schuf, da er zuerst der Jugend das Wissen, oder besser: das Gefühl spezifisch jugendlicher Eigenart vermittelte, erwuchs der Bau der „Freideutschen Jugend". Zunächst die Daten: Wandervögel bildeten 1906 in Göttingen die „Akademische Freischar", die bald in manchen anderen Universitätsstädten Zweigverbände gründete. Die „Akademische Vereinigung", die 191? in Marburg entstand, der „Vortrupp", der Jenaer Kreis um Diederichs, alle diese und andere Gemeinschaften sammelten Splitter besonders der studierenden, ihrer selbst bewußten Jugend. Und endlich vereinten sich die überall stärker und stärker auflodernden Flämmchen: Am 11. und 12. Oktober 1913 schuf auf dem Hohen Meißner der erste Freideutsche Jugendtag, den der Vortrupp angeregt hatte und an dem dreizehn Verbände teilnahmen, unabhängig vom Wandervogel und in gewisser Hinsicht neben ihm eine freideutsche Jugendbewegung. Der entscheidende Satz des Programms vom Hohen Meißner lautete: „Die freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung vor eigener Verantwortung mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten." Wyneken hatte das Programm verfaßt, der Mann, dessen starke Persönlichkeit einen großen Teil der Jugend mit sich riß und hinfort die Bewegung des Hohen Meißner in zwei starke, sich heftig bekämpfende Hälften spaltete. Im Gegensatz zu den führenden Geistern etwa der Freischärler, die im großen Ganzen aus dem Wandervogel gekommen waren, war Wyneken — und das ist ausschlaggebend für seine Weltanschauung — in die Jugendbewegung als gereifter, geistig durchgebildeter Mensch hineingewachsen. Er hatte, in Gemeinschaft k 19