Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turn- und Sportzeitung · 1919-01-01 · II (1919) · p. Seite 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turn- und Sportzeitung
Volume
20 (1919)
Issue
II (1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 17 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492385-5965061-5965385-5965403--438-4922940
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

11. Es ist nach diesen Ausführungen klar, daß die Entwicklung der deutschen Jugend und der deutschen Jugendbewegung zwei Stadien durchlaufen mußte, die, zeitlich nicht immer rein geschieden und getrennt, sich in mannigfaltiger Weise reiben und verschlingen: die eine Entwicklungsstufe wird durchaus vom beglückenden Gefühl der erwachten Körperlichkeit, des bewußtes „Körpergefühls" getragen und beherrscht; das zweite Stadium nähert den jungen Gemeinschaftsmenschen, den ein neuer Lebensstil gebildet hat und kennzeichnet, der die Tendenzen seines Wesens verinnerlicht hat, dem Sozialismus, den er vertieft und umzugestalten bestrebt ist. Der typische Vertreter der ersten Entwicklungsstufe ist der Wandervogel. Sobald die Jugend, die mit offenen Augen und Ohren heranwuchs und die feinen Stimmen einer neuen Zeit vernahm, sich durch einen Akt des Willens aus der Welt der Begrifflichkeiten und der Zwecksetzerei, in der die Väter lebten, herausstellte, warf sie der alten Generation den Fehdehandschub hin, trat in bewußte Opposition, in einen dauernden Gegensatz zur Umwelt und schloß sich zu enger Kampfgemeinschaft, zu einem festen und innigen Lebensbunde zusammen. „Wieviel Nutzloses oder Verderbliches der romantische Trieb nun auch geschaffen hatte, .. .an einer Stelle und zu einer bestimmten Zeit hat er eine herrliche Orgie feiern dürfen. Einmal hat die Jugend ganz ohne Nebenzwecke aus reinster Brust heraus ihr Hohes Lied gesungen: in der Wandervogel-Bewegung" (Blüher). Der Wandervogel, dessen Vorgeschichte sich etwa bis 1898 verfolgen läßt, wurde im Jahre 1901 in Steglitz durch Walter Fischer, Meyen und Breuer gegründet. Namhafte Pädagogen die Gürlitt und Kirchbach verliehen dem jungen Verein festes Rückgrat. Aus der ersten Zeit ist eine Wanderung durch Rhön und Spessart nach Heidelberg und — Ende 1902 — die große Ostmarkenfahrt unter der Führung Walter Fischers m verzeichnen. Bald spaltete sieh die Lichterfelder Gruppe, deren geistiger Führer Copalle war, ab und bildete den Wandervogel-E^V. Copalle, der dem wilden, mit dem sogenannten „Kundenwesen" liebäugelnden Bacchantentum Fischers innerlich fern stand, wurde von Gurlitt unterstützt, aber es scheint, daß die Schuljugend sich zu ihm weniger hingezogen fühlte als zu dem Kreise der rauhen Steglitzer, die sich nach einer Treffahrt in den Glauer Bergen zum „Alt- Wandervogel" (A.-W.-V.) zusammenschlössen. Eine Macht — nicht im Leben der Jugend, denn hier war er vom ersten Tage seines Bestehens an die Macht gewesen —> aber im Leben des Volkes überhaupt wurde der Wandervogel, als Friese an seine Spitze trat, den möglicherweise nicht die ideale - der ersten „Bacchanten" — wie die Führer sieh nannten —• durch-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.