Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 19 (1918)
- Issue
- [o. Nr.] (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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zu Tage liegende Mängel der Ostjuden vor sich selbst und vor anderen ableugneten. Worin liegt bei diesen 3 Hauptformen der Beurteilung des Ostjudentums der — bei aller Divergenz in den Erlebnissen — gemeinsame F e h 1 e r? Die anfangs betonte Häufung an zusammenhanglosen Vorstellungen hatte bei der Mehrzahl der deutschen Juden die Annahme hervorgerufen, daß die Ostjuden mit Eigenschaften ausgestattet seien, die den deutschen Juden fremd seien. Bei den stark und minder assimilierten Juden erstreckte sich diese Annahme hauptsächlich auf minderwertige Eigenschaften, bei den nationalen Juden auf — ihnen selbst vermeintlich fehlende — Vorzüge. In allen Fällen aber wurden von vornherein qualitativ Differenzen angenommen.. In Wahrheit liegen die Dinge so, daß die Unterschiede zwischen den Ostjuden und uns nur puantitativer Natur sind. Das heißt, jene besitzen grundsätzlich die gleiche seelische Struktur wie wir, nur treten die einzelnen Charakterzüge stärker oder schwächer als bei uns hervor. Wenn also deutsche Juden an die Beurteilung der Ostjuden herantreten, so müssen sie zunächst einen Blick in sich selbst werfen, müssen sich über die in ihnen lebenden Gedanken- und Gefühlsreihen, Rechenschaft geben — soweit dies menschlich möglich ist — um dann die Ostiuden zu betrachten und festzustellen, welche Tönung diese Gedanken- und Gefühlsreihen bei ihnen aufweisen. Diese Betrachtungsweise, welche von den großen Gemeinsamkeiten im Guten und Schlechten ausgeht, wird sich bei der Bifdung unseres Gesamturteils fruchtbar erweisen, sie wird in gleicher Weise uns vor der Unterwie vor der Ueberschätzung bewahren und uns einen starken inneren Rückhalt geben. Wenn wir vor dem Kriege von der mannigfachen Bedrückung der Ostjuden durch die Russen hörten, so führten uns diese Nachrichten von selbst zu der Annahme, daß das Volk den geistigen Werten seines Bedrückers fremd, ja feindlich gegenüber stehen müsse. Die Wirklichkeit zeigte uns, daß die Ostjuden sich nicht etwa auf die Entwickelung der ihnen aus der eigenen Vergangenheit überkommenen geistigen Werte beschränkt, zu ihrer nichtjüdischen Umgebung lediglich zur Regelung materieller Fragen Fühlung nahmen, sonderen sie haben sich in weiten Schichten ihrer Umgebung geistig assimiliert. Diese Erscheinung zeigt sich hauptsächlich bei dem in mittleren und jüngeren edler stehenden Bewohnern der Groß- und Mittelstädte. Die Assimilation erfolgte in den einzelnen Teilen des früheren russischen Reiches in verschiedener Richtung. In Polen, wo die Städte, auf die ja die Juden durch die Gesetzgebung beschränkt waren, eine größere und kultiTrell relativ hochstehende polnische Bevölkerung aufwiesen, assimilierten sich die Juden dieser, in Litauen, wo die eigentlichen Litwiner unter der städtischen Bevölkerung nur in geringer Zahl vertreten waren, näherten sich die Juden den Russen. Meine eigenen Erfahrungen beziehen sich fast ausschließlich auf Litauen, indessen berechtigen die allgemeinen Verhältnisse wohl zu der Annahme, daß auch für Polen und die übrigen Gouvernements des Ansiedlungsrayons mutatis mutandis das Gleiche gilt- In Litauen konnte ich nun die Assimilation der Juden an die Russen beobachten, welche zwar ihrem Grade nach in den einzelnen sozialen Schichten sich stark unterschied, in ihrem Wesen jedoch durchweg die gleichen Züge trug und — was besonders wichtig erscheint — vor dem Kriege in raschem Zunehmen begriffen war. Die am stärksten von ihr ergriffenen Elemente 18