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Jüdische Turn- und Sportzeitung · 1918-01-01 · [o. Nr.] (1918) · p. Seite 15

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Journal
Jüdische Turn- und Sportzeitung
Volume
19 (1918)
Issue
[o. Nr.] (1918)
Date
1918-01-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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Der Weg zu den Ostjaden Nach 2V2 jährigem Aufenthalt im Osten finde ich mich in eine „boden" ständige" Formation des Westens versetzt, also ohne Aussicht, bei irgend" welcher Gestaltung der Kriegslage wieder nach Osten zu kommen. Solch plötzlicher Wechsel läßt mit besonderem Nachdruck die quälende Einsamkeit, in der ein jeder von uns sich innerhalb der großen deutschen Kriegsmaschine befindet, fühlen, nachdem man während langer Zeit immer wieder für Stunden in die beruhigende nnd stützende Gemeinschaft der eigenen Art flücjiten und dort den inneren Rückhalt für das weitere Ertragen jener Einsamkeit finden konnte. Wie für den Juden außer jenen, die mit dem Judentum nur noch eine rein äußerliche Verbindung haben, war für mich die Fühlungnahme mit dem Ostjudentum ein Erlebnis und stellt eine der wenigen Freuden in diesen Zeiten dar. Einen Wermutstropfen in dem Freudenbecher bildet der Umstand, daß unser Weg zu den Ostjuden durchaus nicht ohne Beschwerden ist. 'mmer wieder müssen wir feststellen, daß es uns nicht recht gelingen will, natürlich und unbefangen an unsere Brüder heranzutreten und so ein ungetrübtes Bild von ihnen zu erhalten. Grund für diese beklagenswerte Tatsache ist zunächst, daß wir allzu sehr durch das Gerümpel an Vorstellungen über die Ostjuden, die uns von jüdischer und nichtjüdischer Seite übermittelt sind, in unserem Bemühen behindert werden. Welche Grundlage bekommt der deutsche Jude in seiner Jugend für die Bildung seiner Vorstellung von den Ostjuden? Bei dem fast völligen Fehlen des Verkehrs von Ostmit Westjuden in Friedenszeiten sind die Grundlagen überwiegend abstrakt. Die liberalen Tageszeitungen berichten, daß in Rußland Millionen „armer, unglücklicher Glaubensgenossen" von den judenfeindlichen Regierung in Armut und Knechtschaft gehalten, durch Anstiftung von Pogiomen zu Hunderten getötet, zu Tausenden beraubt werden Herrnfeldsche Produktivität, der Schatz an jüdischen Witzen, der in bedauerlich zahlreichen Sammlungen aufgespeichert ist, zeigen uns die Ostjuden als Leute, denen Geld verdienen das Höchste der Gefühle, der Begriff der Ehre unbekannt, Schamlosigkeit und „chutzpe", Diebstahl und Schnorrertum wesentliche Eigenschaften sind, zwanglos füg»n sich die Berichte der antisemitischen Tagespresse über den Mädchenhandel als Haupterwerbszweig der Ostjuden ein. In klaffendem Gegensatz hierzu führen uns Kultur-historische Abhandlungen in den Zeitschriften jüdisch osthodoxer oder liberaler Vereinigungen die Ostjuden als weltabgekehrte Fanatiker vor, die in den primitivsten äußeren Verhältnissen, unter Entbehrungen aller Art ausschließlich aer Erforschung des Talmuds widmen. Staunend wie 'n der Hagenbeckschen Völkerschau betrachteten wir die. den Aufsätzen beigefügten Illustrationen. Durchaus unvergleichbar mit diesen Erzeugnissen sind die in der Zeit des Krieges erschienenen Sammelhefte größerer Monatsschriften über die Ostjuden, sowie die neuerdings herausgegebenen jüdischen Zeitschriften, welche an der Erneuerung des Judentums arbeiten. So wertvoll deren Veröffentlichungen über die Ostjuden indes auch an sich sein mögen, muß man doch beachten, daß die überwiegende Zahl der Aufsätze das Ostjudentum in seiner historisch-kulturellen Entwicklung zeigt und die Darstellung der Gegenwart recht kurz wegkommen läßt. 15

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