Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 15 (1914)
- Issue
- 1 (Januar/Februar 1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 1 15 schlummert sanft in hunderttausend deutschen Papierkörben jüdischen Glaubens dem Tage entgegen, da sie zusammen mit anderen Lumpen zu nützlicheren Zwecken verarbeitet wird. Drei Exemplare seien ausgenommen! Gott schenke ihnen fröhliche Auferstehung, dereinst unterm Glasdeckel, im Narrensaale des jüdischen Nationalmuseums zu Jerusalem! Die Memoiren der Glückei von Hameln. Wenn es die Aufgabe der Geschichte ist, die Objektivierung des Menschengeistes in zeitlosen, von ihm unabhängigen Schöpfungen darzustellen, so zeigt uns das Memoirenwerk umgekehrt, sofern es nicht die Autobiographie einer sehr großen Persönlichkeit ist, hinter der die Zeitumstände zurücktreten, die Rückwirkung eben dieser neuen Existenzen auf ihren Urquell, den Menschen selbst. So sind uns wertvoll die Memoiren von Betrachtern und Beteiligten aus den großen Uebergangsperioden der Menschheitsgeschichte, wertvoller vielleicht aber noch wegen ihrer größeren Objektivität die Memoiren interessanter Persönlichkeiten zweiter Begabung aus Zeiten größerer geschichtlicher Geschlossenheit und Versöhntheit. Die Geschichte des jü- ' dischen Ghetto ist arm an äußeren Geschehnissen, ihr Verlauf monoton, in fast allen Golusländern finden sich die gleichen Erscheinungstypen. Nicht viel anders verhält es* sich auch mit dem Gang der inneren Ghettogeschichte. Vom Beginn der Zerstreuung bis zum Einbrechen der Moderne in die Ghettomauern finden wir außer der von Sabattai-Zewi hervorgerufenen Erregung im Innern der Judenhelt keine größere Bewegung. Wollen wir in ein so geartetes geschichtliches Gebilde eindringen, so werden neben Briefen und geistigen Schöpfungen, sofern solche in irgend einer Beziehung zur Zeit stehen, in erster Linie Memoirenwerke in Betracht kommen. Dieser Erkenntnis ist es zu verdanken, daß die neuere jüdische Geschichtsforschung, angeregt durch die national-jüdische Bewegung mit ihrem starken historischen. Bedürfnis, es unternommen hat, das Wenige, was' an Memoirenwerken aus dem jüdischen Mittelalter erhalten ist, zu überfragen und einem weiteren Leserkreise zugänglich zu machen. Als erstes in der Reihe dieser von verschiedenen Selten geplanten Unternehmungen ist das vorliegende Memoirenwerk*) aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erschienen. Daß der Autor des Werkes eine Frau ist, kann bei der erwähnten Eigenart der jüdischen Geschichte nur geeignet sein, seine Bedeutung zu heben. Ist doch gerade das weibliche Wesen dank seinem ganzen Inneren Aufbau, seiner kontemplativen Richtung, seiner starken Konzentriertheit in sich selbst in weit höherem Maße zum Verständnis derartiger geschichtlicher Breitenbildungen befähigt, als die mehr vom Schaffensprozeß und starken Polaritäten angezogene Natur des Mannes. So spiegelt sich denn hier all die Fülle des Lebens in den dunklen Mauern des Ghetto, von der Dumpfheit des Alltags bis zu den höchstens Aufschwüngen außerordentlichen Erlebens. Aber über all der bunten Mannigfaltigkeit von Menschen, Geschehnissen, Erfahrungen, Betrachtungen liegt oie tiefe Innere Ruhe einer vornehmen durch ein reiches Leben voll Leid un0 Freud geläuterten Seele, die Sonne eines gefestigten Weltanschauens, das voll Ist jenes hoffnungsfrohen Optimismus, der ein so schönes Erbteil unserer Nation, der nicht gewonnen aus einem bornierten Sich-Hln- *) Jüdischer Verlag, Berlin 1913, M. 4,- geb.