Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 5 (Juni/Juli 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 149 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 5 140 Aehnliches, sondern nichts weiter als gute Deutsche, Franzosen, Engländer mosaischer Konfession. Diese religiöse Eigenart sei aber schon teils geschwunden, teils so verblaßt, daß sie sich nach relativ kurzer Zeit verwischen werde. Die stillschweigende Voraussetzung des Philosemitismus war also die allmähliche Auflösung des Judentums in der nichtjüdischen Umgebung. Von einem guten Freunde kann ich verlangen, daß er an meinen Schwächen Kritik übe. Der Philosemit aber mußte an Schwächen und Mißständen, die sich aus der Wurzellosigkeit und dem Assimilationsbestreben der heutigen Judenheit ergaben, vorübergehen und einem charakterlosen Streber, der sich durch die Taufe in die christlich-deutsche Umgebung hineingestohlen hatte, als vollwertigem Bundesgenossen die Hand drücken, und er durfte nicht zu ihm sagen: „In der Pflege deiner Art liegen die Wurzeln deiner Kraft, nicht in der krampfhaften Nachahmung fremden Wesens. Willst du als Vollmensch dir Achtung erringen, dann suche unsere Kultur und die deines Stammes mit Werken zu bereichern, die deiner Wesensart entsprossen sind.“ Hätte der Philosemit so gesprochen, dann hätte sich der Philosemitismus zu einer Erscheinung entwickeln können, ähnlich der des Philhellenismus, in dem sich die Sympathien der gesamten Kulturwelt für eine Erneuerung des alten Griechentums durch ihre Nachkommen kundgaben. Sombart war weder Antisemit noch Philosemit. Daß er bei der Beurteilung des heutigen Judentums mit seiner Meinung über Dinge, die eine Kritik herausfordern, nicht zuriickhielt, das wird keiner, der eine sittliche Erstarkung und Gesundung unserer Gemeinschaft wünscht, bedauern. Aber ich will zugeben, daß einzelne seiner Aussprüche und Anschauungen beweisen, daß auch dieser Nichtjude sich nicht ganz von den Vorurteilen seiner Zeit freizuhalten gewußt hat; es sei nur an die Erklärung jüdischer Wesensart durch kapitalistische Befähigung erinnert. Aber Sombart hat unser Judentum bejaht, er verlangt nicht, daß die Vernichtung unserer nationalen Eigenart der Preis sein sollte, mit dem wir unsere Gleichberechtigung erkaufen, er tritt für die Existenzberechtigung jüdischer Kultur auch in den Ländern der Diaspora ein. „Sombart, der Antisemi t!" erklingt es in allen Versammlungen des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, in den Blättern der jüdisch-liberalen Richtung. Nun, dem aufrechten Juden dürfte die Wahl nicht schwer werden zwischen einem Sombart, der ups auffordert, Juden zu bleiben, und einem Philosemiten, der in unserem Bekenntnis zum Judentum nur ein Hemmnis der völligen Gleichstellung sieht. Die Gesichtspunkte, die Sombarts Stellung zum Judentum bestimmen, sind vorwiegend ästhetischer Natur. Wie die Natur im Tier- und Pflanzenreich mannigfache Arten geschaffen hat, und die Mannigfaltigkeit gegenüber der Einförmigkeit den Vorzug der Schönheit hat, ebenso bedeutet es eine Verarmung fiir die Welt, wenn eine Menschenklasse mit stark ausgeprägten individuellen Zügen untergehen sollte. Nicht Nivellierung sondern Individualisierung! Vor Sombart hatten Nichtjuden, Antisemiten wie Philosemiten, die Judenfrage nur vom Standpunkt des Interesses der herrschenden Nation aus betrachtet. Die Juden waren, — um ein bekanntes Wort zu variieren, — nur Objekt der Betrachtung, nicht Subjekt. Sie waren ein Ding, dessen Schicksal nur vom Interesse der Um- K e b u n g bestimmt wurde. Es ist Sombarts Verdienst, das innere jüdische Problem, d. h. die Frage, ob sich aus der jüdischen Wesensart das Streben nach nationaler Erhaltung herleiten und begründen lasse, aus der innerjüdischen Diskussion vor das Forum der europäischen Oeffentlichkeit Rebracht zu haben. Seine Schriften über jüdische Fragen haben dann auch e*ne lebhafte Diskussion veranlaßt und den Boden fiir eine andere Aussprache vorbereitet, die in einer angesehenen deutschen Zeitschrift „D e r K m n s t w a r t" erfolgte.