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Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport · 1913-04-01 · 3 (April 1913) · p. Seite 104

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Journal
Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
Volume
14 (1913)
Issue
3 (April 1913)
Date
1913-04-01
Page
Seite 104 (sequence 30)
Language
German
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104 No. 3 Beobachtung. Beobachtung ist eine Gäbe, die uns allen im Städterdasein arg verkümmerte. „Wenn wir durch die Straßen zieh’n,“ „immer an der Wand lang-1 an gleichgültigen Häuserreihen und ebenso gleichgültigen Menschen vorbei, dann gibt es nur weniges, was diese beim primitiven Menschen so geschätzte und unentbehrliche Eigenschaft schulen könnte. Und doch kann sie auch uns in den verschiedensten Lebenslagen von Nutzen sein. Das hat man u. a. im Wehrstande erkannt, wo mit den Rekruten fortgesetzt Uebungen im Beobachten von Geländestreifen, Gefechtslagen oder gar den einfachen Vorgängen des Kasernenhofes oder der Kaserne selbst veranstaltet werden. Hier leistet der Sport, der so viele Schäden unserer heutigen Kultur wettzumachen berufen ist, wertvolle erzieherische Dienste. Wie sehr Auge und Hirn der sportlich Aktiven eine jede willkürliche und unwillkürliche Bewegung des Gegners zu beobachten und mit Blitzesschnelle die der veränderten Lage entsprechenden Schlüsse zu ziehen gewohnt sind, ist allgemein bekannt. Bei den ausgesprochenen Kampfsports, wie Fechten, Boxen und Ringen bedeutet das den Hauptteil der zu leistenden geistigen Arbeit, während auch bei den übrigen Sportarten unausgesetzte Beobachtung des Gegners die Grundlage aller vernünftigen Taktik ist. Der Kreis derer, auf die der Sport hier erzieherisch und bildend zu wirken vermag, ist aber ein weit größerer als der der tätigen Sportsleute und dürfte in absehbarer Zeit die gesamte Jungmannschaft unseres Volkes umfassen. — Ein jeder, der einem sportlichen Schauspiel beiwohnt, wird, ganz gleich mit oder wider Willen, dieser Schulung unterworfen. Ein jeder, der beginnt, an sportlichen Dingen Interesse zu nehmen, kann das mit Leichtigkeit an sich beobachten. Wie ihm eine ganze Bewegungsreihe zunächst als ein einziges Ereignis erscheint und wie es sich dann bei häufiger Beobachtung immer mehr in zahllose Phasen aufzulösen beginnt. Man könnte da lehrreiche Versuche anstellen und dabei erkennen, wie verschieden die Gabe der Beobachtung bei den einzelnen Individuen ausgeprägt ist und wie weit sie sich durch „Beobachtungstraining“ entwickeln läßt. Wer beispielsweise zum ersten Male Zeuge eines sportlichen Hochsprungs ist, der wird als einzigen Eindruck den registrieren können, daß der Springer vor der Latte abspringt und dahinter zu Boden kommt. Er wird einen turnerischen, einen englischen und einen amerikanischen Sprung beobachten können, ohne die Verschiedenheit des Springstils irgendwie zu vermerken. Erst nach einiger Uebung wird es ihm gelingen, diese rohen Unterscheidungen zu machen, und allmählich wird ihm das volle Verständnis fär die sportliche Individualität eines jeden Springers und damit erst der volle Genuß des sportlichen Schauens aufgehen. Wer jemals Zeuge gewesen ist, wie in den Erörterungen der jungen Sportsleute komplizierte sportliche Vorgänge aus der Erinnerung rekonstruiert und nach Art des Kinematographen zerlegt werden, der wird sich der Einsicht nicht verschließen können, daß hier geistige Fähigkeiten kultir viert werden, die nirgends anders — denn wo gäbe es noch so gedrängte Handlung? — das gleiche Uebungsfeld finden können, und die im Kampf ums Dasein des einzelnen und der Gemeinschaft oftmals von schätzenswertem Nutzen sein dürften. Fritz Abraham.

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