Mannheim
Compact Memory

Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport · 1913-04-01 · 3 (April 1913) · p. Seite 103

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
Volume
14 (1913)
Issue
3 (April 1913)
Date
1913-04-01
Page
Seite 103 (sequence 29)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492379-5965024-5965354--121-4922310
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 3 103 Frauenabteilungen die Männerabteilungen an Stärke übertreffen, ja es haben sich bereits viele selbständige Frauenturnvereine gebildet, zum Teil aus dem Gründe, weil Standesunterschiede beim weiblichen Geschlecht nicht so schnell verschwinden. Im System knüpfen die Frauenturnabteilungen an das Mädchenschulturnen an, mit dem Unterschiede, daß Ordnungsübungen und Reigen beschränkt werden und die Freiübungen rein körperbildenden Zwecken dienen. Das Streben nach höheren turnerischen Zielen und Höchstleistungen wird aber naturgemäß erst im Gerätturnen sichtbar. Es ist Tatsache, daß wir mit ledern Jahrgang besser von den Schulen vorbereitete Mädchen in die Vereine bekommen, und man kann es ihnen nicht verdenken, daß sie, die einfacheren Uebungen schon von der Schule her beherrschend, nach kräftigerer Kost verlangen. Denn in dem ständigen Erlernen von Neuem beruht der Reiz des Turnens; das ist sein Vorzug von den meisten andern Leibesübungen. So ist der alte Grundsatz, daß alle Uebungen des Spreizens und Qrätschens zu vermeiden wären, längst durchbrochen. Uebungen, wie Felgauf- und -Umschwung am Reck, Schrauben, Reitsitz, Kippe und Oberarmstehen am Barren kann man immer häufiger sehen. Vor einer zu starken Anlehnung an das Männerturnen müßte indes gewarnt werden. Wenn auch das Frauenturnen noch im Werden begriffen ist, so hat es doch seine eigem große Note, und unsere Damen sollten sich nicht von dem Effekt der Geräteübungen des Männerturnens blenden lassen. Mit dem Aufblühen des Frauenturnens taucht der Wunsch auf, die Kräfte gegenseitig zu messen. Man kann dagegen kaum etwas einwenden. Aber sicherlich wird es sich vorläufig noch für lange empfehlen, Turnerinnenwettkämpfe nicht öffentlich stattfinden zu lassen. Wettkämpfe erzeugen nur zu leicht unerfreuliche Nebenerscheinungen. Diese Gefahr ist bei den Turnerinnen stärker als bei den Turnern. Denn erstens fehlt dem Wetturnen jener die feste Tradition, die diese bindet. Dann aber weiß man, daß bei Wettkämpfen die Gefühle oft so stark erregt werden, daß sie gelegentlich leicht mit dem Verstände durchgehen. Am regulären Turnabend soll das Geräteturnen in der Zeitdauer hinter die Freiübungen, die nie unter 20 Minuten dauern sollten, zurücktreten. Denn die Haltungsübungen, namentlich in ihrer Wirkung auf das Rückgrat, müssen der wesentliche Bestand des Frauenturnens bleiben. Das haben die Modernen Turnliteraten, voran Dr. Neuendorff in seinem „Handbuch für Frauenabteilungen“, nachdrücklich betont. Ende März 1912 lag dem Abgeordnetenhause ein Antrag vor, die staatliche Jugendpflege auch auf die weibliche Jugend auszudehnen. Der Vertreter einer der stärksten Parteien des Hauses erklärte, den Antrag ablehnen zu müssen, da er die Ausdehnung der Jugendpflege auf die weibliche Jugend noch für verfrüht halte. Trotzdem bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß der vielgesetzte Spruch: „Nur in einem gesunden Körper kann ein gesunder Geist wohnen" auch oberster Grundsatz der weiblichen Erziehung Sem müsse. Im tieferen Sinne noch mehr als der männlichen. Denn wer ein gesundes, kräftiges Volk will, der sorge erst einmal für gesunde Mütter. Darum gilt es, auch bei unsern Mädchen auf die alten Ziele der Turnkunst hinzuarbeiten, auf die sittlichen Eigenschaften der Selbstzucht, der willigen Unterordnung, des Mutes, der umsichtigen Entschlossenheit, des zähen Willens. Auch unsere Frauen brauchen jene „straffe Gesamtmuskulatur "nt geschickter Koordination und geschmeidigen Bewegungen“, welche in der deutschen Turnerei wurzelt, ein kräftiges Herz, widerstandsfähige Zungen und scharfe Augen. — Heran, Ihr Turnerinnen, zu höherem Ziel ■uhret unser Spiel! E.B.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.