Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 13 (1912)
- Issue
- 11/12 (11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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206 No. 11-12 kompromittierend. Nein, wir dürfen die „Ueberbrückung der konfessionellen Gegensätze" nicht stören. Also als was bezeichnen wir am vorteilhaftesten unsere Turnriegen? Jüdischnational? Das ist ja noch jüdischer als jüdisch. Also ausgeschlossen. Jüdischkonfessionell? Stört wieder den „konfessionellen Frieden" oder auf hochdeutsch gesagt: die spurlose Assimilation der Juden an die nichtjüdische Umgebung. Aber irgendeine Erklärung ist man doch der Welt schuldig; sonst könnte sie so böswillig sein, eine Organisation jüdischer Turner für einen jüdischen Turnverein zu halten. Freue Dich, junger Jude, Deine Ahnen sind nicht umsonst im Ghetto gewesen, eine Spur des alten Ghettogeistes hat sich brühend und kräftig bis heute erhalten! In einem Anfall von Pietät will ihn Herr Dr. Schuster für unsere Jugend konservieren. Und der befreiende Ausweg ist gefunden! Ein Ei des Columbus! Also: Die Schwachen, Halben, Kranken (Herr Dr. Schuster meint nicht moralisch, sondern körperlich!), sie sollen nach seinem Programm in den jüdischen Turnriegen sich zusammenfinden. Ganz lautlos. Ohne irgend welches Aufsehen zu erregen. Aber die Kraftvollen, Ganzen, Gesunden (Herr Dr. Schuster meint nicht moralisch, sondern körperlich!), sie sollen in die Vereine der Deutschen Turnerschaft gehen. Sie sind jedenfalls für die jüdischen zu gut. — Werden wir uns über die Ungeheuerlichkeit dieser Theorie auch klar! Jüdische Krüppelvereine will Herr Dr. Schuster züchten. Wahrscheinlich, um das Märchen von jüdischer Schwäche und Feigheit lügen zu strafen Und unsere guten Turner sollen in nichtjüdische Turnvereine, in denen sie unter der Menge der Christen als Juden überhaupt nicht hervortreten können. Wobei Herr Dr. Schuster sich über die Situation ■dieser jüdischen Turner nicht recht klar werden kann: einmal lobpreist er die Deutsche Turnerschaft wegen ihrer „weitgehenden Toleranz" (man bedenke: sie achtet sogar Juden als vollwertige Menschen!!) und seufzt dann wieder leise weinend, daß doch manche Vereine der Deutschen Turnerschaft ihre Pforten jüdischen Turnern verschließen. In allen diesen Gedankengängen offenbart sich die geistige Unfreiheit des Herrn Dr. Schuster, in der ständigen Relativität seines Denkens in jüdischen Dingen. Und Herr Schuster ist uns hier Typus und nicht Individuum. Er bringt nur naiv an die Oeffentlichkeit, was Hunderte schweigend denken. Das ganze Judesein dieser Leute richtet sich nach dem Barometer der christlichen Nächstenliebe. Steht dieses auf dem Gefrierpunkt, so muG man sein jüdisches Mäntelchen etwas fester knüpfen. Aber nur, um es beim ersten Sonnenstrahl erleichterten Herzens an den nächsten Nagel zu hängen. Wann werden es endlich diese Juden lernen, jüdische Fragen nach unseren Bedürfnissen und unseren Gesichtspunkten zu lösen? Nein, Herr Dr. Schuster! Uns ist es ziemlich egal, ob diese oder jene Organisation 50 % oder 75 % antisemitisch ist. Wir gründen jüdische Turnvereine im freien Holland wie im reaktionären Rußland; weil diese Vereine jüdische Erziehungsprobleme zu lösen haben, die in der jüdischen Geschichte wurzeln, weil sie nach außen Jüdische Kraft und Oesundheit Im körperlichen sowohl wie im moralischen Sinne documentieren sollen. Wir wollen gerade den Christen gegenüber mit der Fiktion aufräumen, daß alle Jüdischen Organisationen von Antisemitismus' Gnaden seien und mit dem Aufhören der Judenfeindschaft ihre Existenzberechtigung verlören. Und bedenken Sie eines, Herr Dr. Schuster: solange Sie nach Ihrem Rezept die innere und äußere Halbheit