Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 13 (1912)
- Issue
- 4 (4.1912)
- Date
- 1912-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4 65 Dinge nur sehr selten behandeln. Daß aber diese Dinge infolge der Emanzipation sich noch verschlechterten, daß das innere Leben des Judentums nur eine Einbuße, keinen Zuwachs erfahren hat, das lag an der Art, wie die Juden die Emanzipation aufnahmen. Die Bedenken der Gesetzgeber von 1789 und noch von 1847 gegen eine Emanzipation der Juden, ihre fremdartige Religion und Nationalität, diese Bedenken glaubten sie nachher zerstreuen zu müssen durch einen unwürdigen Eifer im Aufgeben jüdischer Eigenart in Religion und Sitte. Dies entspricht nicht dem Sinne der Juden, die als die ersten die Judenemanzipation gefordert haben. Sie wollten die Freiheit der Juden nicht um einer Annäherung der Juden an die Nichtjuden willen, sie wollten die Freiheit der Juden für das Judentum. Nicht aus der besonderen Schärfe der äußeren Not der Juden heraus ist die Emanzipation geboren, sondern aus der inneren Armut des Judentums, der Erschlaffung des jüdischen Lebens. Hat die Emanzipation, wie sie sich wirklich vollzogen hat, dem Judentum neues Leben zugeführt? Qanz entgegengesetzt hat sie noch dazu beigetragen, dem Judentum weitere Kräfte zu entziehen. Wir wollen nun nicht daran denken, ins Qhetto zurückzukehren, denn „Ghetto" ist nur der Name für jenen langsamen Tod, dem das Judentum vor der Emanzipation entgegenzugehen schien; wir wollen aber auch nicht vergessen, daß das Judentum die Gelegenheit, die ihm die Emanzipation bot, sich hat entgehen lassen. Die Emanzipation, die uns dazu dienen sollte, die Hilfsmittel der europäischen Kultur dem Judentum nutzbar zu machen und dem Judentum zur Vertiefung zu helfen, diese Bewegung hat die größte und folgenschwerste Assimilation, die das Judentum je durchgemacht hat, in ihrem Gefolge gehabt. Der jüdische Nationalismus, der die Belebung des Judentums erstrebt, und die nicht-jüdischen Kulturgüter zu einer Entwicklung in das Judentum hinein verwertet, hat auch darin den Anschluß an den ursprünglichen Sinn der Emanzipation gefunden, den wir Jahrhunderte hindurch mißverstanden haben. Exempla docent! Die Entwlckelunf des Jüdischen Turnvereins Poien. Das neunte Arbeitsjahr 1911 eröffnet einen neuen Abschnitt in der an Schwankungen und Erschütterungen so reichen Geschichte des J. T. V. Posen. Die vorige Generalversammlung hatte bei Gelegenheit einer durchgreifenden Revision des gesamten Statuts endlich und mit voller Einmütigkeit, den Beschluß gefaßt, den Namen „Jüdischer Turnverein1' anzunehmen. Damit Ist die Entwicklung einer bewußt jüdischen Tendenz, die von den Initiatoren des Vereins von Anfang an gewollt war, aber im Laufe der Jahre imitier neue Widerstände gefunden hatte, zu glücklichem Abschluß gebracht und die Einreihung des Vereins in den Kreis aufstrebender, nationaler Organisationen unverbrüchlich festgelegt. Das Berichtsjahr hat allen Erwartungen in vollem Maße entsprochen. Nicht nur, daß der Tätigkeit und Ausbreitung des Vereins durch den erwähnten Beschluß keinerlei Abbruch geschah, — im Gegenteil, alle lebendigen Kräfte scheinen seitdem zu neuem Eifer und regerer Mitarbeit angespornt. Die Mitgliederziffer hat sich in erfreulicher Fortsetzung der