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Jüdische Turnzeitung · 1912-04-01 · 4 (4.1912) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
13 (1912)
Issue
4 (4.1912)
Date
1912-04-01
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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No. 4 63 Freude und Dankbarkeit zu gedenken. Es soll hier gleich vorweg genommen werden, daß wir Grund zu Dankbarkeit denen gegenüber haben, die uns zu dem uns gebührenden Rechtszustand verholten haben, daß wir aber damit noch nicht die Verpflichtung übernommen haben, mit allem, was uns die Emanzipation in ihren Folgen letztlich gebracht hat, freudig einverstanden zu sein. Wir verletzen also jene Pflicht def Dankbarkeit nicht, und setzen uns auch nicht der von überängstlichen liberalen Qemütern so oft beschworenen Qefahr einer geradezu berechtigten Reaktion aus, wenn wir an der Emanzipation in ihrer Wirkung auf Judenheit und Judentum Kritik üben. Wir sprechen von Emanzipation und denken dabei vornehmlich entweder nur an die oben erwähnten Gesetze oder auch an die Erklärung der Menschenrechte während der französischen Revolution, oder auch an den Namen Moses Mendelssohn, aber selten an alles dies zusammen, und nie daran, daß diese scharf umrissenen, zeitlich und dinglich konkreten Bilder nur markante Punkte einer fließenden, hin- und zurückflutenden Bewegung sind, der Gesamtheit der Emanzipationsbewegung. Ferner vergessen wir vielfach, und gerade dies ist für die Würdigung der Emanzipationsfeiern in Deutschland nicht ohne Interesse, daß die Wurzeln der formellen, gesetzmäßigen Emanzipation in Frankreich liegen, daß die deutschen und preußischen Juden sich auch des internationalen Charakters der Judenemanzipationsbewegung bewußt sein sollten und darum keinen Grund haben, die die Emanzipation zu feiern, solange es noch ein Ansiedelungsrayon in Rußland und die Fremdengesetze in Rumänien gibt. Es ist zuzugeben, daß die Emanzipationsbewegung, wie sie von Dohm in Deutschland, Gregoire und Mirabeau in Frankreich schriftstellerisch eingeleitet wurde, einem Bedürfnis innerhalb der Judenheit entgegenkam. Dieses Verlangen der Juden war erweckt worden, als sie angefangen hatten, andere mehr innerliche und innerjüdische Probleme zu lösen. Die Entwickelung des jüdischen Geisteslebens und der jüdischen Sprache hatte sich jahrhundertelang in der Abtrennung von der umgebenden Welt und in eigenen bizarren Wegen vollzogen. Das jüdische Denken hatte einerseits schroff rationalistisch in scharfer übertriebener Betonung des rein gedanklichen, andererseits mystisch (kabbalistisch), nach einer weit ausgesponnenen, doch in logische Formen gepreßten Phantasie orientiert. Und wie die Entwickelung des einzelnen nach allgemeinem Gesetz immer die der Gesamtheit widerspiegelt, so führte auch jeden Juden des 18. Jahrhunderts das Leben erst zum Talmud, von dort vielleicht noch zur Kabbalah — und, wenn es weiter wollte, so ließ ihn die Ueberlieferung und das Judentum stehen. Beides ließ ihn unbefriedigt, das einzige, was ihm neu war, bot sich ihm in der Gestalt des profanen Wissens, der nicht-jüdischen Kultur. Diese war ihm, in ihren Ergebnissen fremd, seiner bisherigen Erziehung widersprechend und sogar bekämpft und verboten. Aber sie war seiner Oeistesrichtung verwandt in der Methode ihres Denkens, der Betonung der gesunden Vernunft, des gemeinen Menschenverstandes als Herrscher in allen Beziehungen und Fragen des Lebens, insbesondere des religiösen Lebens. Darum der massenhafte Zustrom Junger Juden zur Wissenschaft, und darum die so früh unverhältnismäßig zahlreichen guten Erfolge der Juden in dem neu besetzten Gebiet. Hier hatten sie nun ihre Gleichwertigkeit erwiesen, deshalb wollten

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