Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 4 (1903)
- Issue
- 11 (11.1903)
- Date
- 1903-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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204 No. 11 lieb und wert macht, das ist die ruhige und abgeklärte Anschauung, von der die hier gegebene Zusammenfassung verschiedener Elemente innerhalb der jung-jüdischen Bewegung zeugt. Die Vornehmheit des Tones, welche aus den einzelnen Darbietungen spricht, wird der national-jüdischen Gesinnung mehr Freunde gewinnen, als die heute zur Gewohnheit gewordene heftige Polemik, als das schroff-agressive Vorgehen, das so sehr viele Anhänger zählt. Mir will es gerade von diesem Gesichtspunkt aus so besonders geschickt erscheinen und so wertvoll für die Aufklärung, die dieses Volksbuch jüdischer Kreise bringen soll, dass Zlocisti in den Mittelpunkt des Kalenders den Aufsatz von Graetz: „Die Verjüngung des jüdischen Stammes" gestellt hat. Der Aufsatz an sich ist ein Kunstwerk, aber davon ganz abgesehen, hat er einen eminent propagandistischen Wert. Er wurde vor 40 Jahren geschrieben und ist so aktuell, dass er heute hätte geschrieben sein können. Freilich der Streitpunkt des persönlichen oder geistigen Messias lässt uns heute kalt, aber die sichere, naiv-kraftvolle Entfaltung des national-jüdischen Banners in jener Zeit des hohlsten „Konfessionalismus", die durch historisches Erfassen des Werdegangs des jüdischen Volkes begründete geradezu prophetische Vorahnung der Geschichte müssen jeden denkenden Juden mit Bewunderung erfüllen. „Der jüdische Volksstamm, so heisst es, geht vor unseren Augen einem kaum früher geahnten Verjüngungsprozess entgegen. Die Judenfeinde bemerken es mit verbissener Wut, die kosmopolitisch gesinnten Juden schütteln im stillen darob bedenklich das Haupt, die starren Buchstabenfrommen knüpfen trügerische Hoffnungen daran, alle sind stutzig ob dieser Erscheinung. Ist diese so unglaublich scheinende Regung wirklicher Herzschlag oder blos galvanisierte Zuckung einer Leiche? Können abgestorbene, zerstreute Gebeine wieder aufleben?" Er beantwortet diese Frage mit einem unbedingten Ja. Die Veröffentlichung dieses Manifestes, so kann man es mit Fug und Recht bezeichnen, wird nach zwei Seiten hin gute Früchte tragen. Es zeigt den Gegnern der heutigen national-jüdischen Bewegung, dass diese schon zu einer Zeit, in der sie selbst zumeist noch Jünglinge waren, Anhänger nicht der schlechtesten Art hatte, dass die Idee also nicht so absurd und kritiklos von einigen jugendlichen Phantasten und Utopisten „ausgeheckt" worden ist, und sie mahnt andererseits die national-jüdischen Feuerköpfe, ihre eigene Sache mehr historisch zu begreifen als das notwendige Produkt einer geschichtlichen Entwickelung. Die diesem Aufsatz vorangeschickte Einleitung Zlocisti's ist ausser ordentlich geistreich, sie weist historisch nach, dass die Entnationalisierung des jüdischen Volkes nicht, wie man bisher anzunehmen geneigt war, gewissermassen ein „Nebenprodukt" der Assimilation gewesen ist, sondern ein planmassiger und zielbewusster Kampf. Es wäre sehr zu wünschen, wenn Zlocisti auf diesem Wege der historischen Forschung weiter fortfahren würde, da gerade auf ihm noch sehr viel brach liegt. Von Interesse ist der Aufsatz von Dr. Max Beermann: „Aus dem Ghettoleben in Deutschland zur Zeit der Kreuzzüge." Der darauf folgende Aufsatz von Dr. H e i n r i c h L o e w e „Noch ohne öffentlich-rechtliche Sicherung" entwirft ein trostloses Bild von der Korruption, die inbezug auf die Verteilung der Chaluka-Gelder in Palästina herrscht, und verdient ernsthafte Beachtung.