Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 4 (1903)
- Issue
- 8 (8.1903)
- Date
- 1903-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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156 No. 8 Prozentsatz; mit jedem Jahre wuchs die Schwierigkeit der Aufnahme, so dass Verhältnis der aufgenommenen und der aufnahmefähigen jüdischen Schüler ein ganz ungeheuerliches ist; in den Schulen selbst wird wenig geturnt; ausserhalb der Schule aber ist dem Juden bis jetzt jede Möglichkeit benommen, durch Turnen für die Hebung seiner Körperkräfle etwas zu tun, Es existieren nur einige, wenige christliche Turnvereine; selbst wenn diese den Juden die Aufnahme gestalteten, so wäre das eine sehr geringe Hilfe für uns; immerhin aber könnten wir von ihnen lernen; aber die Juden sind prinzipiell ausgeschlossen! Deutsche sind es, welche diese Turnvereine in's- Leben gerufen haben; würden sie, unter strenger Betonung ihrer Nationalität, keinem einer fremden Nation Angehörigen die Aufnahme gewähren, so könnten wir nichts dagegen sagen, dass sie sich weigerten die Juden aufzunehmen. Christliche Rumänen haben, wje ich wohl weiss, Aufnahme gefunden: aber die vom rumänischen Gesetze, statuierten Fremden — die Juden — werden auch vo.n ihnen, die doch wahrhaftig Fremde in diesem Lande sind, als . . . Fremde zurückgewiesen. Lächerlich und furchtbar zugleich; aber wahr! Und daraus ergibt sich gebieterisch und stürmisch die Forderung nach selbständig gegründeten und selbständig geleiteten jüdischen Turnvereinen. Aber die jüdische Bevölkerung hier ist infolge der systematischen, vom Gesetze nicht nur geschützten, sondern gebotenen Verfolgung so wenig organisiert, so wenig an praktisch-systematische Arbeil, die der Gesamtheil zu gute kommen soll, gewöhnt, so völlig verarmt und enlblössl aller Mittel für das Nolwendigte, dass eine organische Hilfe aus ihrem eigenen Schosse heraus ohne Hilfe ihrer Brüder im Westen als Unmöglichkeit angesehen werden kann. Wenn doch die mächtigen, über kolossale Geldmittel verfügenden Gemeinschaften einsehen wollten, dass die Wohltätigkeil, die sie üben, zwar hie und da dem dringendsten, momentanen Bedürfnisse abhelfen, mag, im Grunde genommen aber das schon bestehende Übel nur noch verschlimmert durch den völligen Mangel organischer Arbeil! Wenn sie Vorschulen gründen und sie mit unzureichenden Kräften ausstatten, so wird vielleicht einem Teile der 7—10jährigen Knaben, die sonst jeden Unlerrichl entbehren müssten, der erste Anfang der Schreib- und Lesekunsl beigebrachl; weiter aber auch nichts; und das ist herzlich wenig. Organisation brauchen wir, kräftige, zielbewussle Organisation; und mögen sie lachen, wenn wir ihnen zurufen: zum wirklichen Leben wird unser Volk erst dann wachgerufen werden, wenn es in tüchtig geleiteten «jüdischen Turnvereinen» zu organisierter Arbeil fähig gemacht wird. Und wenn wir sie bitten: Helft uns Turnvereine gründen, so ist es dasselbe, als wenn wir sie bäten: Helft uns leben, helft uns den Grundslein legen zu einem gesunden, jungen, kraftvoll1 pulsierenden Leben. Buchdruckerei K. J. Wyss in Basel.