Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 4 (1903)
- Issue
- 6 (6.1903)
- Date
- 1903-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 6 103 dieser Frage annehmen wird. Über die Organisation des bewaffneten Schutzes seitens der russischen Juden selber schreibt das in Stuttgart erscheinende russische Blatt „Oswoboschdenije" (Befreiung) folgendes (cit. n. „Jüd. Volksbl.", Wien): Von jegßcher Staatshilfe verlassen, wird der jüdischen Einwohnerschaft in den gefährdeten Städten die Selbstverteidigung geradezu aufgezwungen, eine Organisation der Volkswehr förmlich aus dem Boden gestampft. Die letzten Veröffentlichungen des jüdischen Bundes bringen auch darüber ungemein interessante Nachrichten aus Kiew. Hier befürchtete man ebenfalls, besonders in den Tagen um den 1. Mai, Krawalle. Gegen 30000 jüdische Familien verlassen die Stadt. Die übrige jüdische Bevölkeruug organisiert einen Selbstschutz. Ungefähr zweihundert jüdische Studenten haben sich mit Waffen, Knüppeln, Messern und Revolvern ausgerüstet, ihnen gliederten sich jüdische Arbeiter, endlich auch andere Volksgenossen an. Fast alle jüdischen Tischler und Schlosser waren zeitweilig mit Anfertigung von Waffen beschäftigt. Die Reicheren gaben Geld dazu. Diese jüdische Volkswehr ist in Abteilungen von je zwanzig Mann organisiert und den freigewählten Komitees des Selbstschutzes unterstellt. Jede Abteilung ist mit dem Zentrum durch Telephonleitungen und Radfahrer verbunden; in fünfzehn Minuten können, wie probeweise Alarmierungen zeigten, grössere Massen an den verschiedensten Punkten der Stadt vereinigt werden. Drei Tage und drei Nächte kam man nicht aus den Kleidern, da man jeden Augenblick einen Angriff zu gewärtigen hatte. In einer grossen Zahl von Proklamationen wendete sich das Komitee des Selbstschutzes an die jüdische und russische Einwohnerschaft. Unter Leitung eines Mitgliedes des Kammergerichtshofes organisierten, dem Aufruf folgend, auch die Russen Hilfskorps. Die Professoren des Kiewer Polytechnikums erklärten sich bereit, das Institut und ihre Privatwohnungen den jüdischen Frauen und Kindern als Zufluchtsort zur Verfügung zu stellen, ja sollen selbst sich zu einer »Abteilung" zusammengeschlossen haben. Zur Auskundschaftung der judenfeindlichen Stimmungen und Massnahmen trieben sich jüdische und russische Studenten, als Vagabunden verkleidet, auf den Bazaren herum, gingen in die Spelunken und übernachteten in den Nachtasylen u. s. w. Hierbei leistete die russische Jugend besonders wertvolle Dienste, da die Juden leichter erkannt wurden. Kurz, Kiew glich einer belagerten Stadt. Am 3. Mai kam es auch wirklich zu Versuchen antisemitischer