Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 8 (8.1902)
- Date
- 1902-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 8. Die vorliegende Frage hängt innig mit der Auffassung vom Wesen des Zionismus zusammen. Derjenige, der die Aufgabe des Zionismus nur in der Erreichung seines äusseren Zieles, d. h. einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte, sieht, dürfte zu einem anderen Resultat gelangen als derjenige, dem der Zionismus die Idee der Regeneration und Erhaltung des jüdischen Volkstums bedeutet, und der in der Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens nur einen wesentlichen Faktor zur Lösung jüdisch-kultureller und wirtschaftlicher Fragen erblickt. Im letzteren Fall hätten wir die Leistungen des Zionismus in zwei Gruppen zu teilen, solche, die sich auf das ideelle Gebiet beziehen, und solche, die mit der Erreichung des politischen Zieles in Zusammenhang stehen. Bezüglich der ersten Gruppe hoffe ich, dass es auch unseren verstocktesten Gegnern nicht einfallen wird, die ausserordentlichen und ungezählten Erfolge des Zionismus auf diesem Gebiet zu leugnen. Es ist ja jedem gegenwärtig, welche Umgestaltung das jüdische Leben im letzten Jahrzehnt, besonders seit dem Anwachsen der zionistischen Bewegung, erfahren hat. Den Brennpunkt für alle das Judentum bewegenden wissenschaftlichen, religiösen und wirtschaftlichen Fragen bildet der Zionismus; die Pflege der jüdischen Geschichte, Litteratur und Kunst, der hebräischen Sprache, das Streben nach physischer Regeneration, die Pflege des Ackerbaues und Handwerks unter den Juden, die jüdische Arbeiterfrage, das alles sind Dinge, die entweder dem Zionismus ihr Entstehen verdanken oder durch ihn erst eine wesentliche Stärkung erfahren haben. Er bildet innerhalb des Judentums gleichsam das Ferment, das in geringer Quantität grosse Mengen eines geeigneten Stoffes in Gährung versetzen kann. Dank dem Zionismus ist an die Stelle des Gefasels von einer „mosaischen Konfession" ein starkes jüdisches Nationalbewusstsein getreten und beinahe schon zur Selbstverständlichkeit geworden; dank ihm hat auch die moralische Würdigung des Judentums von nichtjüdischer Seite Fortschritte gemacht. Und alles dies sollte keine positive Leistung des Zionismus bedeuten? Mit einem Schein von Berechtigung könnte man diesen Vorwurf gegen die Bethätigung des Zionismus auf politischem Gebiet richten. In Wirklichkeit ist auch hier eine derartige Kritik unberechtigt, denn die Forderung, dass eine junge Bewegung nach einem Zeitraum von 5 Jahren bereits ihr politisches Endziel erreicht haben soll, ist geradezu naiv und wäre nur dann erklärlich,