Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 3 (1902)
- Issue
- 1 (1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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No. l. 19. Stile betrieben. Der Wissenschaft wurde die eifrigste Pflege zu teil. Das Verkehrs- und Münzwesen war auf das sorgfaltigste ausgebildet. Wie wir aus Thontafelfunden von El Amarna wissen, war das Babylonische die diplomatische Sprache der Zeit. Als die Israeliten nach Kanaan kamen, war dieses Land eine babylonische Domäne. Babylonische Besonderheiten wurden von den Israeliten übernommen. Die Form, in welche die Gesetze und Vorschriften in der Bibel gefasst sind, findet sich bei den Babyloniern. Sogar der Sabbath ist eine babylonische Einrichtung. Wir wissen aus babylonischen Funden, dass am 7., 14., 21. und 28. Tage des Monats der König nicht Recht sprechen und nicht den Wagen besteigen dürfe und dass es sogar dem Arzte verboten war, an diesen Tagen Hand an einen Kranken zu legen. Noch vielerlei anderes, was man bisher, auf die biblische Erzählung gestützt, als spezifisch jüdisch ansah, muss nach der neueren Erkenntnis den Babyloniern zuerkannt werden. Dabei ist zu beachten, dass bei der Übertragung des Babylonischen in das Gebiet der Juden dieses in mancher Beziehung eine Änderung erfuhr. Es griff eine Anpassung Platz. Z. B. ist den Babyloniern die Scheidung der Zeit in die Zeit vor und nach der Sintflut eigen. Es ist auf uns eine Tafel mit der Erzählung der babylonischen Sintflut gekommen. Eduard Süss hat an der Hand des babylonischen Berichtes gezeigt, dass in der babylonischen Sintflut die Folgen eines Cyclons geschildert sind. Die Sintflut in der Bibel hat eine andere Veranlassung. Ein Cyclon hätte sich mit der Oertlichkeit nicht vertragen. In vielen Einzelheiten der Schilderung aber besteht Übereinstimmung. Bei dem Vergleiche der beiden Sintflutberichte ist aber noch zu beachten, dass in dem biblischen Berichte zwei ungleichartige Fassungen mit einander verwoben sind. Zu einer neuen Auffassung der Entwickelung der Erzählung vom Weltschöpfungsvorgange hat das Studium der babylonischen Altertümer geführt. Vergeblich, war alles Bemühen, die biblische Erzählung mit der naturwissenschaftlichen Erkenntnis in Einklang zu bringen. Viel eher wird was die Bibel berichtet, verständlich wenn man erfahrt, dass lange vor dem biblischen Mythus in Babylon ein gleichartiger bestand. Nur muss berücksichtigt werden, dass die jüdischen Priester geflissentlich darauf ausgingen, die streng babylonischen Züge zu verwischen. Die babylonische Weltschöpfungsvorstellung hat zur Unterlage den Kampf zwischen dem Lichte und der Finsternis, zwischen dem Guten und dem Bösen, eine Vorstellung, die bis in das Evangelium Johannis nachklingt und in der Idee des Kampfes des Ritters Georg mit dem Drachen fortlebt. An einem Bilde babylonischer Herkunft zeig! sich, dass auch die Sage von dem SUndenfall den Babyloniern geläufig war. Auf sie geht auch die Vorstellung vom Himmel und der Hölle zurück. Die Seelen der Abgeschiedenen müssen nach der Vorstellung der Babylonier im stauberfüjlten Weltenraume ruhelos umherwandern. Aber für diejenigen, die auf Erden gut und fromm waren, findet sich auch ein Ruheplatz, wo ihnen immer kühles Wasser gereicht wird. Das Bild der Engel, wie es sich bis aui die moderne Kunst verpflanzt hat, hat in der babylonischen darstellenden Kunst seinen Urtypus. Am bedeutsamsten aber ist, dass der Gottbegriff auf die babylonische Weltanschauung zurückgeht. Diejenigen irren, die meinen, der Begriff des Jahve habe sich aus einer Art Fetischismus