Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 2 (1901)
- Issue
- 7/8 (7.1901)
- Date
- 1901-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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97- No. 7/8. 600 km betragenden Eisenbahnfahrt, wenn es nach ihm ginge, ganze Bände füllen müsste. Auf der nächsten Generalversammlung muss diese unerhörte Beschränkung unserer geistigen Produktion mit allem Nachdruck zur Sprache gebracht wei den, und dann werden wir ja sehen . . . Vor der Hand also nur einige Augenblicksbilder: Erstes Bild: Im Nachtzug. Die Fahrt hat vor einer halben Stunde begonnen Ein trübes Licht erhellt in einem Umkreis von einem Meter das Interieur eines früheren Viehwagens, der der königlich preussischen Eisenbahnverwaltung zur Beförderung von Eeiseuden 3. Klasse grade gut genug ist. Eine bunte Menge sucht vergebens den knappen Raum der geschmacklosen, roh gezimmerten Bänke als Schlafstätte zu benutzen. Einzelne von uns, zerschlagen von dem immerwährenden Gerüttel, machen sich auf dem schmutzigen Holzboden des Waggons ein Lnger zurecht und legen ihre harten Tornister unter die Köpfe. Gleichmässig mit dem Bahnwagen werden sie bald nacli rechts, bald nach links geworfen und bilden schliesslich einen unentwirrbaren Menschenknfluel. Jakobs Lager auf dem Steine würde sicher ihren Neid erregen, wenn sie überhaupt in diesem Zustande eines pronon eierten Gefühls fähig sind. Drei andere Reisende spielen beim Scheine eines Fünfminutenbrenners, der schon vor Feiner Zeit durch einen neuen ersetzt werden muss, ihren Vieitelpfennigscat, ein vierter „kiebitzt" . . . Zweites Bild. Auf der Rudelsburg. Der Weg zieht sich erst über saftige Wiesen hin, dann steigt er sanft durch frischgrünen Buchenwald, durch welchen an lichteren Stellen die schroff nach der Saale zu abfallende Rudelsburg hindurchschimmert; ein freier Ausblick lässt auch die Türme der Saaleck erkennen. Fast unwillkürlich erklingt das Kuglersche Loblied der „an der Saale hellem Strande" ragenden Veste. Doch Kugler besingt gewesene Herrlichkeit. Wundersame Romantik umwebt diese Stätte zwar auch heute noch, und noch heute glänzt das Auge des Wanderers, wenn es auf der lachenden Saalelandschaft ruht — aber die stille Einsamkeit ist hin, hin ist die Zeit, wo „droben holde Augen winken", und ein bescheidenes Mahl zur kurzen Rast einladet. Heute blüht hier oben das „Geschäft". Die Ansichtspostkartenverkäuferin sitzt in ihrem Kiosk, befrackte Kellner servieren zu mehr als