Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 1 (1900)
- Issue
- 4 (8.1900)
- Date
- 1900-08-01
- Page
- Seite 46 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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No. *6. Turnfahrtsbericht 0 über den Familien-Ausflug am [. Zuli wird in der nächsten Nummer erscheinen. 2) Nacht- und Tagesturnfahrt. . Das abenteuerlich erscheinende Unternehmen hatte zahlreiche Mitglieder und auch einige Gäste angelockt. Als wir abends um 7<U Uhr auf dem Bhf. Alexanderplatz der Ankunft unseres Zuges entgegen sahen, passierte auf einem anderen Gleise kurz vor unserer Abfahrt ein langer Zug die Bahnstation, der mit unglücklichen rumänischen Juden vollgepfropft war. welch' ein Gegensatz! Liier eine heitere Reisegesellschaft, die die Schönheiten einer lauen Sommernacht durchkosten will, dort heimatlose Stammesgenossen, deren von Gram durchfurchte Gesichter namenloses Elend und entsetzliche «Dualen uns offenbarten, wie mancher von ihnen wird das Ruheplätzchen drüben überin waffer, das Ziel brennender Sehnsucht, nicht erreichen und den Anstrengungen der Reise nnterliegen! Das tferz krampst sich zusammen, und mit Gewalt unterdrückt man die Thränen bei dem Anblick unserer armen Brüder. Der Zug fährt weiter und mit ihm fahren jene Unglücklichen fort, vielleicht ins Glück, vielleicht auch nicht, wer weiß es? Der tiefe Eindruck dieser Begegnung verliert sich auch nicht so bald, wenn auch einige unserer Herren sich bemühten, die Stiminung etwas zu bessern. Erst als wir in Köpenick um 7^2 Uhr er. unfern Waggon verließen und auf einsamer Landstraße mit Sang und Klang in die herrliche Zulinacht hineinzogen, als das über Wald.und wiesen huschende Mondlicht unsere Sinne gefangen hielt, waren unsere Gedanken schon fern von jenen Unglücklichen und beschäftigten sich ganz mit den Wundern dieser Sommernacht. Daß mit mehr oder weniger Gefühl die bekannten, den Mond besingenden Gedichte laut oder auch im stillen vorgetragen wurden, bedarf wohl keiner näheren Erwähnung. Za, einer der 25 Teilnehmer steckte mir am nächsten Tage unter der Bedingung strengster Diskretion ein stark zerknülltes Zettelchen zu, auf dem ich mit vieler Mühe unten stehende Zeilen zu entziffern vermochte. Er habe sie — so fügte errötend der schüchterne Jüngling. hinzu — an verborgener Stätte zu Papier gebracht. Lassen wir ihn also hören: Noch schwebt der Sonnenball tief unterm Horizont; Noch sendet lächelnd Grüße uns der Mond; Noch rauscht der Nachtwind durch die schwarzen Föhren; Frau Nachtigall läßt noch nichts von sich hören. wir wandern schon. Die Straßen sind noch menschenleer; Der Hofhund bellt und zerrt an seiner Kette. Der Wandrer Tritt hallt auf den Steinen schwer, Der Hausherr schläft und schnarcht in seinem Bette. Die Dämmerstunde naht; die vöglein sind erwacht; Ein weißer Nebel steigt von Wald und wiesen sacht, Den fernen Horizont belebt ein Purpurglanz: Und du, mein Herz, bist seliger Frieden ganz! (!?) (Db ich recht gethan habe, diese Ergüsse eines sentimentalen Seelchens der Vergessenheit zu entreißen — ich weiß es nicht. Ich kann mich nur damit entschuldigen, daß noch ganz andere Gedichte mir mitgeteilt worden sind, in denen z. B. siebenmal Herz und Schmerz, fünfmal Brust und Lust, dreimal rein und Schein Vorkommen, während doch vorstehendes Poem den Vorzug keiner Reimwiederholungen hat. Doch genug davon für