Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1900-06-01 · 2 (6.1900) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
1 (1900)
Issue
2 (6.1900)
Date
1900-06-01
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4921092-5965003-5965135--0018-4921107
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Xlo. 2. [0. Muskeljudentum. Vor zwei Jabren sagte ich in einer Ausschussberatung des Baseler Kongresses: „Wir müssen trachten, wieder ein Muskeljudentum zu schaffen". Wieder! Denn die Geschichte bezeugt, dass es einst ein solches gegeben hat. Lange, allzu lange haben wir die Fleiscbabtödtung geübt. Ich drücke mich eigentlich ungenau aus. Die anderen habi-n die Fleiscbabtödtung an uns geübt, mit dem reichsten Erfolge, den Hunderrtausende von Judenleichen in den Ghettos, auf den Kirchplätzeu, an den Landstrassen des mittelalterlichen Europas bezeugen. Wir selbst hätten aut diese Tugend recht gern verzichtet. Wir hätten unseren Leib lieber gepflegt als abgetödtet oder — bildlich und unbildlich — abtödten lassen. Wir wissen von unserem Leben einen vernünftigen Gebrauch zu machen und schätzen es nach seinem Werthe. Wohl ist es uns weniger als den meisten anderen der Güter Höchstes, aber es ist uns ein hohes Gut und wir umgeben es gern mit Sorgfalt. Jahrhundertelang konnten wir es nicht thun. Alle Elemente der aristotelischen Physik waren uns knickerig zugemessen: Licht und Luft, Wasser und Boden. In der Enge der Judenstrasse verlernten unsere armen Glieder sich fröhlich zu regen; im Dämmer ihrer sonnenlosen Häuser gewöhnten unsere Augen sich ein scheues Blinzeln an; in der Angst der beständigen Verfolgung erlosch die Kraft unserer Stimme zu einem bangen Flüstern, das nur dann zu einem mächtigen Jauchzen anzuschwellen pflegte, wenn unsere Blutzeugen auf dem Scheiterhaufen das Sterbegebet ihren Henkern ins Gesicht schrieen. Aber jetzt ist ja der Zwang gebrochen, man gönnt uns den Raum, uns wenigstens körperlich auszuleben. Knüpfen wir wieder an unseren ältesten Ueberlieferungen an: werden wir wieder tiefbrüstige, strammgliedrige, kühnblickende Männer. Diese Absicht des Zurückgreifens auf eine stolze Vergangenheit findet in dem Namen, den der jüdische Turnverein in Berliu gewählt hat, einen starken Ausdruck. „Bar Kochba" war ein Held, der keine Niederlage kennen wollte. Als der Sieg ihn verliess, da wusste er zu sterben. Bar Kochba ist die letzte weltgeschichtliche Verkörperung des kriegsharten, waffenfrohen Judentums. Sich unter Bar Kochbas Anrufung zu stellen, verräth Ehrgeiz. Aber Ehrgeiz steht Turnern, die nach höchster Entwickelung streben, wohl an. Bei keinem Volksstamm hat das Turnen eine so wichtige erzieherische Aufgabe wie bei uns Juden. Es soll uns körperlich und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.