Korrespondenzblatt des Centralbüros für Jüdische Auswanderungsangelegenheiten des Hilfsvereins der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Centralbüros für Jüdische Auswanderungsangelegenheiten des Hilfsvereins der Deutschen Juden
- Volume
- 1905
- Issue
- 5 (19.6.1905)
- Date
- 1905-06-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Hilfsverein der Deutschen Juden. Grossloge für Deutschland VIII. U. 0. B. B. KORRESPONDENZBLATT des „Centraibureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten". No. 5. Ausgegeben Berlin, 19. Juni 1905. Der Durchzug fremdländischer Auswanderer durch Deutschland*). Der Durchzug durch Deutschland ist in der Regel nur denjenigen fremdländischen Auswanderern gestattet, die Schiffskarten einer der deutschen Linien — des Norddeutschen Lloyd in Bremen oder der Hamburg-Amerika- Linie in Hamburg — besitzen. Kommen also Auswanderer an der Grenze an, ohne Schiffskarten zu haben, so müssen sie in der Kontroll- oder Registrierstation (vergl. Korrespondenzblatt Na 41 sich eine Schiffskarte über Bremen oder Hamburg kaufen, sind sie dazu nicht imstande, so werden sie nach ihrem Heimatlande zurückgeschoben. Es ist ausgeschlossen, daß sich Auswanderer in Deutschland Karten englischer, belgischer oder holländischer Linien kaufen und so über Rotterdam oder Antwerpen fahren können. Nur in einem Falle können nichtdeutsche Auswanderer andere als deutsche Linien benutzen, nämlich wenn sie von Amerika mit Freikarten, sogenannten „Prepaids" versehen worden sind. Hier ist aber wiederum zu beachten, daß nur diejenigen Prepaids zum Durchzug durch Deutschland berechtigen, welche von den Büreaus der Linien selbst („Original prepaids") ausgestellt sind (nicht von Agenturen oder Expeditionsfirmen) die auf Grund des Gesetzes über das Auswanderungswesen vom 9. Juni 1897 in Deutschland konzessioniert sind; das sind von nichtdeutschen die folgenden: Ohne Schiffswei :hsel in einem Zwischenhafen. Namen der Unter¬ Häfen über welche Länder, nach welchen nehmer Auswanderer befördert werden dürfen 1. Compagnie General eTransatlantique in Paris und Havre Havre Vereinigte Staaten von Amerika 2. Soc}6te Anonyme deNavigationBelge Americaine (Red Star Line) Antwerpen Vereinigte Staaten von Amerika 3. Holland - Amerika- Linie**) Rotterdam Vereinigte Staaten von Amerika Mit Schiffswechsel in einem Zwischenhafen. 4. Jsmay Imrie & Co. CWhite Star Line) in Liverpool Hamburg und Bremen Vereinigte Staaten von Amerika 5. Cunard Steamship Company Limited in Liverpool Hamburg und Bremen Vereinigte Staaten von Amerika 6. International Navigation Company (American Line in Philadelphia). Hamburg und Bremen Vereinigte Staaten von Amerika *) Obwohl nur in Preußen und Sachsen der Durchwanderungsverkehr geregelt ist, kann man doch vom Durchzug durch Deutschland sprechen, weil Preußen und Sachsen als Grenzländer den ganzen Verkehr durch Deutschland sperren können. **) Die Holland-Amerika-Linie ist in diese Tabelle aufgenommen worden, obwohl sie im Verzeichnis der konzessionierten Linien nicht steht, weil auf Grund besonderer Vereinbarung mit ■den deutschen Linien ihre Schiffskarten, auch wenn sie nicht Prepaids sind, zum Durchzug berechtigen. Aus obiger Tabelle ist ersichtlich, daß die genannten Linien die Konzession zur Aufnahme von Auswanderern nur von bestimmten Häfen nach den Vereinigten Staaten von Amerika haben. Die Prepaids müssen demnach immer von .dem betreffenden Hafen nach Amerika lauten. Trotzdem die Cunard-Line in Deutschland konzessioniert ist, wird ein Prepaid dieser Linie, welches zur Fahrt von Rotterdam nach New York berechtigt, nicht zum Durchzug durch Deutschland ermächtigen, weil die in der Konzession bestimmten Abgangshäfen Bremen und Hamburg sind. Ein Prepaid der Red Star. Line Antwerpen—Quebeck (Canada) würde ebenfalls nicht zum Durchzug berechtigen, weil die genannte Linie nur nach den Vereinigten Staaten konzessioniert ist und nicht nach Canada. In der letzten Zeit wird von den deutschen Schiffahrtsgesellschaften streng darüber gewacht, daß diese Bestimmungen eingehalten werden. Eine große Anzahl von Auswanderern ist in jüngster Zeit zu Schaden gekommen, weil sie mit diesen Verhältnissen nicht vertraut waren und ihre Schiffskarten den oben angeführten Bestimmungen nicht entsprachen. Besonders zu warnen ist vor dem Versuch, heimlich an den Kontroll- und Registrierstationen vorbei durch Deutschland hindurchreisen zu wollen. Es ist vor kurzem, wie wir bereits mitgeteilt haben, an der Westgrenze Deutschlands in Bingerbrück eine Station eingerichtet worden, durch welche die meisten, die diesen Versuch wagen, aufgehalten und wieder .nach der Ostgrenze zurückgebracht werden. Die Bestimmungen wegen den Schiffskarten finden auch Anwendung auf solche Personen, welche mit Pässen und den nötigen Geldmitteln von 400 M. für jeden Erwachsenen und 100 M. für jedes Kind unter 10 Jahren, versehen sind. Alle Auswanderer, die andere Schiffskarten besitzen, als solche von den deutschen Linien oder der Holland- Amerika-Linie in Rotterdam, sollten sich eingehend erkundigen, bevor sie ihren Weg durch Deutschland nehmen, und alle, deren Karten den oben dargelegten Bedingungen nicht entsprechen, müssen Deutschland unter allen Lmständen meiden. Die Ankunft in den deutschen Seehäfen. Nachdem die fremdländischen Auswanderer an der Grenze in den Kontroll- oder Registrierstationen daraufhin untersucht worden sind, ob sie gesund sind, ob auch sonst ihrer Annahme seitens der Einwanderungsbehörden jenseits des Ozeans nichts im Wege steht und ob sie die nötigen Mittel haben, zu ihrem Reiseziel zu gelangen, werden sie entweder in besonderen Zügen oder in besonderen Wagen nach den Häfen überführt. Aber auch dort ist ihnen keine völlige Bewegungsfreiheit gestattet, namentlich soweit es sich um russische Auswanderer handelt. In Hamburg ist es durch die Behörden den Herbergswirten untersagt, r u s s i s c h e Auswanderer in Logis zu nehmen. Alle aus Rußland kommenden Emigranten müssen,, in die von der Hamburg-Amerika-Linie errichteten „Auswandererhallen". Diese befinden sich seit dem Jahre 1902 auf der Veddel, sie wurden mit einem Aufwand von IV2 Müfc Mark erbaut und nehmen eine Fläche von 25000 qm ein. Die Lage ist so gewählt, daß die Auswanderer auf einem besonderen Bahnhof ankommen und ebenso eingeschifft werden, ohne die Stadt zu berühren. Die einzelnen Gebäude sind im Pavillonstil gebaut, haben Zentralheizung und elektrische Beleuchtung und sind mit allen Bequemlichkeiten der Neuzeit ausgestattet. Die Wege zwischen den einzelnen Gebäuden sind mit Bäumen bepflanzt, die ganze Anlage macht einen äußerst gefälligen Eindruck.