Korrespondenzblatt des Centralbüros für Jüdische Auswanderungsangelegenheiten des Hilfsvereins der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Centralbüros für Jüdische Auswanderungsangelegenheiten des Hilfsvereins der Deutschen Juden
- Volume
- 1905
- Issue
- 4 (19.4.1905)
- Date
- 1905-04-19
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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und dann bei der Ankunft im Hafen ohne weiteres landen können. Schöpfen die Beamten aber bei einem Kajütpassagier Verdacht, daß er zu der Kategorie der unerwünschten Einwanderer gehört, so wird auch er wie die Zwischendeckspassagiere behandelt. Er muß mit diesen nach der Einwanderungsinsel Ellis Island. Dorthin werden die Einwanderer in kleineren Dampfern von ihrem Schiff aus gebracht. Und nun beginnen die Untersuchungen. Zuerst haben alle die ärztliche'Kontrolle zu passieren, die von Ärzten und Schwestern ausgeübt wird. Die Kranken werden zurückbehalten, in einen besonderen Raum gebracht, dort genauer untersucht und verhört. Stellt sich heraus, daß die Krankheit eine solche ist, die von der Landung ausschließt (vergl. weiter unten Abschnitt „Kranke Auswanderer") dann wird der Betreffende nach dem Einschiffungshafen zurückgebracht, wenn sein Zustand es gestattet, andernfalls wird er erst kuriert. Andere Kranke werden ins Hospital gebracht, dort geheilt und je nachdem sie nun durch ihre Krankheit mittellos und deshalb unerwünscht geworden sind oder nicht, zurückgesandt oder zur Landung zugelassen. Diejenigen, die als gesund befunden werden erhalten einen dementsprechenden Ausweis („Doktorkarte") und kommen nunmehr in Gruppen zu je 30 vor die Registrierungsbeamten, deren es in New York 11 an der Zahl gibt. Diese Beamten legen ihnen sämtliche Fragen vor, die wir oben erwähnt haben und zwar an der Hand des Schiffsmanifestes, in dem sie schon einmal beantwortet sind. Jeder Widerspruch kann dem Einwanderer, der meistenteils verblüfft ist und nicht weiß, was die ganze Prozedur bedeuten soll, gefährlich werden. Hat er alle Fragen zur Zufriedenheit des Beamten beantwortet, dann kann er passieren. Will er in New York bleiben, dann kann er nunmehr in die Stadt gehen, will er aber in das Innere des Landes, dann wird er, ohne daß er New York betreten darf, zur Bahn gebracht und weiter befördert. Die beanstandeten Einwanderer, die sich in Widersprüche verwickelt oder die Fragen nicht zur Zufriedenheit der Regierungsbeamten beantwortet haben, kommen vor die Behörde für Spezialuntersuchung („board of special enquiry"). Diese besteht aus 4 Inspektoren, von denen sich 3 für die Zulassung aussprechen müssen, damit sie erfolgen kann. Ist der Bescheid ungünstig, so kann der Zurückbehaltene ein zweites Verhör verlangen, damit er Irrtümer, die er aus Unkenntnis oder Verblüfftheit etwa beging, aufklären kann und schließlich kann er an das Bundesdepartement (die vorgesetzte Behörde der Einwanderungs* beamten) appellieren. _ Die Zurückbehaltenen werden bis zur endgültigen Entscheidung im sogenannten Detentionshaus untergebracht. Hier wird ihnen die Möglichkeit geboten, nach Geld zu telegraphieren, wie wir oben gesehen haben, oder sich an Freunde, Verwandte usw. zu wenden. Die jüdischen Organisationen die „United Hebrew Charities" und die .Hebrew Immigrant Aid Society" haben ihre Vertreter auf Ellis Island, die den Zurückbehaltenen mit Rat und Tat zur Seite stehen und durch ihre Intervention viele vor der endgültigen Zurückweisung bewahren. Andere werden von" Bekannten und Verwandten aus dem Detentionshaus abgeholt und entgehen so dem Schicksal der Deportation. Solche Abholer müssen Bürgschaft dafür leisten, daß der Einwanderer nicht der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fallen wird. Es wird immer strenger darauf gesehen, daß die Vermögensverhältnisse des Bürgenden, der kein Verwandter zu sein braucht, derartig sind, daß seine Bürgschaft auch von Wert ist. Bei mehr als der Hälfte aller derjenigen, die in den letzten Monaten zurückgewiesen worden sind, hat die Bürgschaft des Abholers nicht genügt. Mittellose Auswanderer also, die zu mittellosen Verwandten und Freunden fahren, haben keine Aussicht zur Landung zugelassen zu werden, wenn sie auch von diesen abgeholt werden Ähnlich wie die Einrichtungen in New York, wenn auch weniger großartig, sind die Einrichtungen in den anderen Hafenstädten: in Baltimore, Boston und Philadelphia. Auch in den kanadischen Häfen haben die Vereinigten Staaten Einwanderungsstationen errichtet, um diejenigen Einwanderer zu prüfen, die über Canada nach den Vereinigten Staaten wollen. Canada und Argentinien. Die im Korrespondenzblatt No. 2 bekannt gegebenen Einwanderungsbeschränkungen für Canada sind noch immer in Kraft. In der Regel muß also immer noch jeder Auswanderer, der nach Canada will, bei der Landung 200 M. vorzeigen können. Gegenüber gesunden, kräftigen Arbeitern, die mit Eisenbahnkarten nach dem Westen versehen sind, werden in der Praxis diese Beschränkungen nicht streng durchgeführt. Wie wenig ratsam es ist, auf gut Glück ohne die genügenden Mittel nach Canada auszuwandern, um dort auf dem von der Regierung gewährten Freiland Ackerbau zu treiben, lehrt folgender Auszug aus einem Brief, der an unser Bureau gelangt ist. Winnipeg (Canada), 10. Febr. 1905. Wir sind unser sechs in Canada in der Stadt Winnipeg. Hierher sind wir aus Rußland, aus den jüdischen Kolonien des Gouvernements Ekaterinoslaw ausgewandert. Unser Leben lang haben wir uns mit Ackerbau beschäftigt. Weil wir glaubten, es wäre uns möglich, Landwirtschaft in Canada zu treiben, sind wir hierhergekommen. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß es nicht schwer hält, Land zu bekommen; doch solche Kolonien einzurichten, wie sie in Rußland bestehen, das geht hier nicht an. Der Boden hier scheint uns zum größten Teil für Ackerbau nicht sonderlich geeignet. Vor allem aber sind die zur ordnungsmäßigen Bebauung nötigen Pferde und das sonstige lebende und tote Inventar sehr teuer, sodaß wir die Kosten nicht erschwingen können. Darum bitten wir um Ihren gütigen Rat, wie es sich mit Argentinien verhält. Wir haben gehört, daß man dort besseres Land bekommen kann. Wollen Sie uns gütigst angeben, auf welche Art und Weise man dorthin gelangen kann und wie wir dort Land erwerben können etc." ... Bei dieser Gelegenheit sei dar >uf hingewiesen, daß in Canada für eine Farm von 160 engl. Acres (ca. 75 ha) die Einrichtung und das Inventar bei den allerbescheidensten Anforderungen einen Kostenaufwand von 2000—3000 M. erfordern, in Argentinien bei ungefähr gleicher Größe (40 Cuader ä 1*/, ha) des Gutes sogar die Summe von 4000—5000 M. Auch wenn Kolonisten diese Mittel besitzen, haben sie weder in Canada noch in Argentinien erfahrungsemäß Aussicht auf Erfolg, wenn sie nicht längere Zeit im ande arbeiten und sich mit allen Verhältnissen vertraut machen, bevor sie Landwirtschaft selbständig zu treiben unternehmen. In Argentinien wird das Land zwar nicht grundsätzlich, aber tatsächlich nur an solche Kolonisten verkauft, die schon einige Jahre in Argentinien auf dem Lande, sei es als Peone (Knechte), Medieros (Halbpartner) oder Arrendatarios (Pächter), gearbeitet haben. Kranke Auswanderer. Der Board of Guardians for Relief of the Jewish Poor, London schreibt uns: Eine große Anzahl russischer Emigranten ist letzthin nach Liverpool gekommen mit Schiffsscheinen nach Amerika, die ihnen von Verwandten in den Vereinigten Staaten gesandt worden sind. Leider werden viele dieser Auswanderer von den Ärzten der Schiffahrtsgesellschaften von der Beförderung zurückgewiesen, weil sie an Augenkrankheiten, in vielen Fällen an Trachom, leiden. Oft besteht die Krankheit nur in einer unbedeutenden Entzündung des Auges, aber trotzdem werden die Leute zurückgewiesen, weil sie sich in einem allzu sehr vernachlässigten Zustande befinden. So kommt es, daß zur Zeit 250 solcher Personen in Liverpool gestrandet sind, die den englischen jüdischen Gemeinden zu schwerer Bürde werden. Natürlich soll nicht gesagt werden, daß die jüdischen Organisationen des Kontinents dafür verantwortlich sind, daß die Leute in solchem Zustande hierhergesandt werden; auch erscheint es mir nicht möglich, die ganze Auswanderung, die sich auf solch weitem Räume vollzieht und meistenteils allein vom Willen des einzelnen Emigranten abhängt, in all ihren Einzelheiten zu überwachen. Aber ich möchte doch Ihre Organisation bitten, die verschiedenen Komitees an der Grenze l