Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand UB Ffm
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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im»Mt«i» sich* man gewännt »ich «n die Landeskost, - - Puchero ■ and Asado schmecken einem genau so gut wie demt Grenllo, dem geborenem Argentinier. Des Leben selbst bringt wenig Abwechslang, eber man bat Gelegenheit zum Reiten and Jagen, und aa den Sonntagen, die ja doch die einzige Freizeit darstellen, die man hat, durchstreift, man mit der Flinte /die endlose Pampa and verbucht Hasen oder Rebbahner aar Strecke billiger als in. Buenos Aires, und bei meinem Verdienst tob 200 Pesos konnte leb Wir monatlich 100 Pesos zurücklegen. ^♦«- Nachdem ich vier Monate dort war, bot man mir von der Fabrik aus eine Stellang als 1. ElektroacnwelBer in der Werkstatt einer im Ben befindlichen Zementfabrik, ganz im Norden dea 1 indea, an. Ich sagte natürlich zu, da ich dadurch wieder Gelegenheit bette, einen anderen Teil dieses riesigen Landes kennen zu lernen, zumal die Reisekosten and Reisetage für die Ober 1800 km gebende Reise von der Fabrik «na bezahlt worden. Man schickte mich hierher nach Fries ha der Provinz Santiago del Estero. .hoch ha Norden Argentiniens, nicht mehr weit entfernt vom Chaco, dem großen südamerikanischen *jp» wald. Hier ist bereits Tropenklima. Jetzt im Hochsommer haben wir Temperaturen bis zu 45 Grad im Schatten; man schwitzt bei der Arbeit ganz unglaublich, zumal ich bei der Arbeit ja mit Gesichtsschutz. Lederschürze und Lederhandschuhen bekleidet sein muß. Dock ist die Hiebe weder unangenehm noch ermüdend noch appetitraubend, da sie im Gegensatz zu Buenos Aires ganz trocken ist... Nachts kühlt es sieh hier herrlich ab; schon Abends ab acht Uhr wird, es angenehm frischj und die Abende hier sind ein reiner Genuß. In Bezug auf Wohnung und Bequemlichkeit habe ich es hier bedeutend besser getroffen "als in Lome Negra, da diese Fabrik direkt' bei dem Ort Frias mit etwa 10000 Einwohnern, Kino, Hotels, ge- S-Pflasterten Straßen, Krankenhaas usw. ist. lob wohne Im rt in einem verhältnismäßig netten Hotel and bebe so alle BeonemUebJhrftsn. Die- Landschaft ist vollkommen verschieden von dar tan Süden. Dort nur Pampa, Pampa soweit das Auge reicht. Die Landschaft platt, wie ein Pfannkuchen; weder Baume noch Erhebungen unterbrechen die Einförmigkeit Hier dagegen ist alles Sandwüste; da es sehr wenig Wasser gibt, fehlt jede Landwirtschaft haar, und* das Laad tat aar mit unterholzartigen Büschen und riesigen übermannen oben Kakteen bedeckt. Die Landschaft ist nicht häßlich; vor allem sieht man am Horizont die Ausläufer dar Cordilleren, and bei guter Sicht erblickt man Berge bis zu Sand 4000 Meter Hohe, deren Gipfel mit Schnee bedeckt sind Es soll viele Giftschlangen, Skorpione, Moskitos, Sandflöhe und alles aiOglirwe Ungeziefer hier geben, so sagte man nur vor meiner Reise hierher. Bisher wurde einmal ein Skorpion totgeschlagen; Giftschlangen habe leb selbst noch keine gesehen; Sandflohe hat man hier überhaupt nicht, und vor Moskitos schätzt man »Wi sehr einfach mit einem Moskitonetz. Ab and zu kommt einmal ein Heuschrecken«chwarm durch auf seiner Reise in fruchtbarere Provinzen. Alle drei, vier -Monate regnet es einmal, and alle paar Tage ist mehr oder weniger heftiger Sandsturm, das einzig Unangenehme am hie- Klima. ■ y ■ , -l—'-2ßm .t< . liebkosten dea Lebens verzichten, die man in Buenos Aires bat, hauptsächlich was geistige Zerstreuung anbetrifft. Abwechslung gibt es flicht viel Zweimal in dar Woche ist abends Konzert' auf der Plaza, sogenannte Retreta; die jungen Leute und jungen Madeis, natürlich streng getrennt nach Geschlechtern, spazieren In finanzieller Hinsicht konnte Ich mich ungemein vereern; ich habe 1,20 Pesos Stundenlohn, und da ich 12, U und 14 Stunden täglich arbeite, komme ich auf 370 Pesos im Monat. Höchstens ein Drittel davon verbrauche leb. um gut zA leben; den Rest kann iah auf die hohe Kante legen, so daß ich in nicht allzu ferner Zeit ein genügend großes Kapital habe, am in irgendeiner Form eine Selbständigkeit zu beginnen und dann auch meine Eltern nachkommen lassen kann. — Der Stundenlohn von 4.20 Pesos als Schweißer ist noch lange nicht Höchstgrenze, and ich muß immer. wieder betonen, daß ein Handwerker, der etwas leistet, hier ganz erstklassig verdienen kann. Arbeit ist massig da, and der Industrie fehlt es an Kräften. Gewiß dar Lohn wird einem nicht ge«"Henkt; man muß sehr schwer arbeiten, vor allem hier kn Norden. Die Hiesigen nämlich, die einem als Helfer zugeteilt sind, sind faul, dumm und ungeschickt, und so muß man alles alleine machen. Das ") alles „Schwarze'*, Abkömmlinge von Indianern. Sie versuch nur 80 Centavos die. Stande, womit, sie aber fast schsn .zufrieden sind, denn sie wollen eben nicht arbeiten. Als _ an und für sich sind sie nicht einmal unsympathisch; "gastfreundlich, höflich und zuvorkommend Aibschließend malt iah sagen, daß meine Umschichtung außerordentlich richtig war, -und auch mein Weg hier in Argentinien scheint bisher richtig zu sein. „Raus aas Buenos Aires" muß man immer wieder sagen, dort bellen sich die Emigranten in Klampen na und „machen mieß".. Viele, die mit mir ankamen, sind beute noch nicht weiter als I'" vor 10 Monaten; Gewiß, ich hatte Glück, daß ich in meiner ersten Stellung in Buenos Aires mich ordentlich in mein Fach einarbeiten konnte und heute als Vollkommen 'perfekter Schwei-»'' fler jeden Tag und überall Arbeit finden kann. Allerdings, in der Provinz ist, muß man auf aal und ab and man grüßt sich gegenseitig mit einem „Adioe" öder „Buenos Noch es". Naher kann man kaum mit einem Mädel bekannt worden; d. h. el Ut sehr einfach, die Buhaniiuwjliaf t mit einem Mädel zu machen: man laßt sich von irgend jemandem vorstellen und kann dann bei der „Retreta" zusammen mit dem Mädel auf and ab spazieren. Ist man aber einige Male gemeinsam mit dem Mädel gesehen worden, muß man sich verloben and dann bald heiraten." Ein junger Einwanderer, der in Buenos Aires einen „Jüdischen Jugendbund" ins Leben gerufen hat, schreibt Anfang August 1996 TS. Ja. folgendes: -Die Finpassnng der Emigranten in die hiesige „Gesellschaft'' ist ein sehr heikles Problem. Einmal sind die Alteingesessenen, wenigstens hier in Buenos Auas, entweder gesellschaftlich sehr hoch geschichtet, adlig, würden wir sagen, oder es sind Proletarier. Der Mittelstand^, wird im allgemeinen von Ausländern oder aar kurze Zeit im Lande Ansässigen gebildet. Es kommt hinzu, daß aas verständlichen Gründen eine gewisse Furcht vor der mangelnden Seriosität (aller) Einwanderer besteht Nach Südamerika kam von jeher ein sehr großer Prozentsatz Krimineller. Das hat die Masse naturgemäß verallgemeinert Wer von Europa kommt Urt in gewissem Sinne schon verdächtig, etwas ausgefressen zu haben. Für das hier enslsaigea Juden, denen es zum Teil wirtschaftlich gut geht >st die Immigration nur eine philanthropische Frage. Es wird viel getan. Der Hilfsverein hier arbeitet recht gut, wenn er auch dem wöchentlich stärker werdenden Ansturm nicht gewachsen ist Es ist ein.großes Werk, was unter Leitung eines vortrefflichen Mannes, Adolfo Hirsch, geleistet wird. Aber es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Auf die Dauer kann es nicht gelingen, die große Masse vor der Verproletarisierung zu bewahren. (Wenn nicht 'ein Wunder geschieht, — etwa große wirtschaftliche Blüte.) Der Hilfsverein bat sie im allgemeinen unterbringen können, aber meistens in Stellungen, die hart am Existenzminimum Bogen. Das gebt jetzt noch, wo die Leute ihre neuen Sachen. haben und zumindest über geistige, seelische Raserven verfügen. Wie soll das aber später werden? Ich kenne* Leute, mit denen ich auf dem Schiff gefahren bin, die' schon jetzt einen Zug der Verbitterung in sich tragen, und mich, da es mir recht gut geht schon se betrachten, als könnte ich ihre Lage nicht begreifen. Es bort sich sehr schön an: Jäh nehme jede Arbeit in, ich bin mit allem zufrieden', aber SS ist sehr schwer auf die Dauer für unsereinen, so weit unten zu bleiben - Die gesellschaftliche Einfügung der Emigration in die argentinische Gesellschaft ist fast aasgeschlossen, in die deutschjldischc außerordentlichschwer. Denn da mit der Immigration (wie immer) eine Rems von unerfreulichen Elementen mit - geschwemmt wird, verhält es sich mit den hier Eingesesis nen ähnlich wie mit das und dea polnisches and russischen Juden, die 1920 nach Berlin kamen. — Man gab viel, and man lud sie such siasasl zum Freitagabend und zum Sederahend ein, warum auch nicht aber damit war der gesellschaftliche Verkehr beendet Sehr ähnlich ist ss hier, was keine Kritik sein ■ soll, dehn ss ist js etwas sehr Natürliches, wenn man ss sieb recht überlegt (Das eigentlich Pikante dabei: Daß auch sie... nur Emigranten sind, nur eben 20 Jahre früher:) Aus diesen Granden hat der'Jugendbund, von dem ich Dir ja schon geschrieben habe, eine besondere. Bedeutung, wie in Deutschland kaum jemals sin Band gehabt hat Wir "haben nunmehr such ein sehr schönes Heim durch den Hilfsverein bekommen and werden auch sonst durch ihn stark gefördert Es ist ein sehr weiter, sehr beschwerlicher Weg, hier Sa etwas zu kommen and nicht ewig in einer Apgestellten-.Kerriere' Stecken zu bleiben, die hierebeiso subaltern Ut wie drüben. Et ist nicht allzu schwer,' sich zu ernähren, aber es ist sehr schwierig, sieb gut SU ernähren, und verdammt Schwei •', wirklich ,zu etwas zu kommen'. Und doch habe ich in keinem Augenblick bisher bereut, von Berlin wag zu sein. Höchst aas, daß ich nicht schon früher meinen Koffer gepackt habe. Eine wichtige Frage ist auch aas Frauenproblem. loh meine weniger die sexuelle Frage als die Frage: Wen werden die jungen Leute heiraten, wenn nicht auch jüdische Mädchen einwandern? In den ICA-Siedinagen haben sich die Leute im alli gemeinen nicht vermischt und sind bis heute ziemlich rein geblieben. Hier werden Mischehen unvermeidlich bleiben. Das Ist ein Problem, das man im Hilfsverein auch Oberlegen seilt«: Wie kann man die weibliche Einwanderung fördern?' Daß eine Auiwandtrung alleinstehender Frauen und Madchen nach Argentinien möglich and wünschenswert ist, bestätigt folgender Brief des Hillevereins deutschsprechender Juden aus «Buenos Aires von r 3. Juni 198t?