Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1938. Bestand UB Ffm
- Issue
- Juli 1938
- Date
- 1938-07-01
- Page
- Seite 61 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
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'i - « , , . ■ - $ffej i - <•■■"••.-' Millionen von Fremden aufgenommen und > allmählich zu Amerikanern gemacht hat, und das aus dieser immer wiederholten Erfahrung der Aufnähme und Assimilation verschiedenster Nationalitäten eine unvergleichliche JteTitKc nis* und Unbefangenheit diesem Problem gegen Ober—g*-5 wonnen hat. ■ __. ' W*? Wie sehr die Judenfrage zum Problem der New Immigration gehört, seist sich vor allem in gesellschaftlicher Hinsicht. Es gibt keine einzige süd- oder osteuropäische Einwanderergruppe, die heute in den Vereinigten Staaten gesellschaftlich für einigermaßen voll genommen würde. Gerade weil die New Immigration aus Ländern kam, die im Vergleich zu Nord- und Westeuropa rückständig waren, und vor allem, weil diese Menschen dem Wesen des Amerikanertums weit fremder waren als einst die artverwandten Einwanderer aus Nord- und Westeuropa, betrachtete man allgemein die hereinkommenden Italiener, Spanier, Ungarn, Griechen, Polen, und nicht zuletzt die Juden mit einem Gemisch von Mißtrauen, Mitleid und Verachtung. Daß diese- Menschen zum großen Teil fleißige, tüchtige und bescheidene Arbeitskräfte waren, — machte sie zum mindesten bei der amerikanischen Arbeiterschaft, die andere Lebensansprüche zu stellen gewohnt war, nur unbeliebt; und die Zähigkeit, mit der die Einwanderer an ihren von Europa mitgebrachten fremden Sitten und Gebräuchen in Kleidung und Speise; in Sprache und tau-.. send Lebensformen festhielten, mußte für den Durchschnittsamerikaner etwas wenn nicht Aufreizendes, so doch Störendes haben. Von seiner eigenen Ueberlegenheit durchdrungen, betrachtete er die Einwanderermassen ganz allgemein als gesellschaftlich minderwertig. Man belegte sie mit Spitznamen, wie z. B. Dago (Italiener), Kike (Jude), Hunky (Ungar) und Bohunc (Tscheche). Der eingeborene Amerikaner war schon 'nicht gern bereit, mitdiesen fremd und unerfreulich aussehenden, mit geringer Entlohnung zufriedenen Menschen, am gleichen Arbeitsplatz zusammenzustehen; — jede intimere Verbindung aber, x. B. die Vermischung durch Heirat, stieß und stößt auf außerordentliche gefühlsmäßige Widerstände, und zwar nicht nur bei den gehobeneren Schichten des ansässigen Amerikanertums, sondern selbst bei dem amerikanischen Arbeiter. Hier nun liegt der entscheidende Unterschied zwischen den Maasen der New Immigration im allgemeinen und den eingewanderten Juden. Die vielen Millionen nach 1880 eingewanderter- Süd- und Osteuropäer gehören bis heute sowohl sozial wie wirtschaftlich ganz überwiegend zur untersten Schicht. Das eingeborene Amerikanertum empfindet diese Stellung auch als die einzig richtige und sozusagen natürliche, und zwar so lange bis sich der Einzelne äußerlich und innerlich dem eingeborenen Amerikanertum völlig angepaßt hat,._Bei den. Juden aber sind nicht nur. die alten Schichten, d. h. das früher erwähnte sephardische Judentum und die Nachkommen der im 19. Jahrhundert eingewanderten Juden aus Deutschland, wirtschaftlich in die Mittel-, ja zum' Teil in die Oberschicht aufgestiegen, sondern auch die großen Massen der nach 1880 eingewanderten Ostjuden sind heute bereits der proletarischen Sphäre zum großen Teil entwachsen und geboren vielfach dem Mittelstand an. Schon dies ist gegenüber den anderen Nationalitäten der New Immigration im ganzen eine Ausnahme, etwas Regelwidriges, das der großen Masse des eingeborenen Amerikanertums auffällig und anstößig erscheint. In verstärktem Maße aber wird das Gefühl der Abwehr dadurch hervorgerufen, daß die Juden im gleichen-Maße wie den wirtschaftlichen Erfolg auch die soziale Geltung anstreben und zum Teil erobern. In dieser Hinsicht ist besonders auf den starken Zustrom der jüdischen Jugend zu den freien Berufen hinzuweisen.* In den Augen des Durchschnittsamerikaners mag es noch hingehen, daß ein blutarmer ostjüdischer Einwanderer nach 20 oder 30 Jahren dem wirtschaftlich«! Mittelstande, ja selbst der Oberschicht angehört. Daß aber der Sohn dieses auch noch zu Hause nur jiddisch sprechenden und in seinem ganzen Wesen höchstens oberflächlich assimilierten Ostjuden -eine amerikanische Universität besucht, ja Anwalt oder Richter oder Arzt werden will, — und daß es sich hierbei nicht um ein paar vereinzelte Fälle, sondern um eine überaus häufige Erscheinung handelt — das will der großen Masse der Amerikaner nicht eingehen. Man muß sich darüber klar sein, daß im Grunde hier eine gefühlsmäßige Einstellung vorliegt; — die naive Ueberzeugung von der eigenen Ueberlegenheit und das Gefühl der Abwehr gegen alles, was diese Ueberlegenheit bedrohen könnte. Die meisten Amerikaner empfinden als ihren Idealtypus etwa einen Mann wie den Flieger-Oberst Lindbergh: protestantisch, blauäugig, blond, von nordischer Abstammung, und dazu durch seinen Wagemut der Abgott einer jugendlichen und sportlichen Nation. Es liegt auf der Hand, daß hiervon der überaus stark an den Wert des Buchwissens, des „Lernens" glaubende ostjüdische Student sehr stark absticht, nicht nur durch sein Aeußeres, sondern ebenso sehr durch sein Büchermenschentum, durch seine für amerikanische Begriffe übertriebene Betonung der Familienbande und durch tausend andere Züge; und selbstverständlich macht es etwa, den jüdischen Akademiker nicht beliebter, daß er die Examina häufig besonders gut besteht — im Gegenteil! * Bliebe der Jude im allgemeinen in der Schicht, in die nach dem Empfinden des Durchschnittsamerikaners ein höchstens halb assimilierter Einwanderer oder unmittelbarer Nachkomme von Einwanderern gehört, so' wäre von einer eigentlichen über das allgemeine Problem der New Immigration hinausgehenden Judenfrage'in den. Vereinigten Staaten kaum zu sprechen. Dadurch aber, daß die Juden in bestimmten Zweigen des Wirtschaftslebens eine mächtige Stellung innehaben (worüber an anderer Stelle berichtet iat), und daß sie in wichtigen Kulturpositionen wie Presse und Film, in der Anwalt- und Aerzteschaft einen erheblichen Einfluß besitzen, — gerade dadurch entstehen starke Gegenströmungen. Dabei spricht der Amerikaner bezeichnenderweise vom „anti-Jewish prejudice", also einem gegen Juden gerichteten Vorurteil. Es gibt drüben keine Theorie des Antisemitismus, es gibt kein Prinzip und keinerlei politische Organisation in dieser Richtung. Aber der gefühlsmäßige Antisemitismus ist in weitesten Kreisen verbreitet und bestimmt auch weitgehend die Handlungen großer Massen. Infolgedessen zeigt sich der Antisemitismus am stärksten da, wo nicht verstandesmäßige Normen, sondern Gefühle herrschen — nämlich im gesellschaftlichen Leben. Es ist tausendfach 5eschrieben worden, daß auch der reiche und kultivierte ude in den vornehmeren Clubs und sonstigen geselligen Vereinigungen selten aufgenommen wird, — ja, daß es für ihn und erst recht für die minderbemittelten Massen unmöglich ist, in den Ferien jeden beliebigen Badeort aufzusuchen. Viele Nichtjuden würden es dem Hotelbesitzer übelnehmen, wenn er auch an Juden vermieten würde. Und dieser gesellschaftliche Antisemitismus zeigt sich in den mannigfachsten Formen, auf die hier einzugehen zu weitläufig wäre. Auf der anderen Sekte aber ist den Juden in politischer Hinsicht völlig un verwehrt, zu hoher, jä fast zur höchsten Stellung aufzusteigen, und so hat es auch in der jüngsten Zeit' jüdische Botschafter, Gesandte und Minister gegeben. Denn in der Politik gelten die Grundsätze, die' in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ihren größten Ausdruck gefunden haben — die Gedanken von der Gleichheit und Freiheitaller Menschen. Diese Tatsache, daß ein Jude in Amerika zwar Minister, aber kaum Mitglied STRASSE 154 '1 'i ■. " i J ' r , I;. ' ""-.«•'! ■ »i- V.»'-.. J ' t. * y ,■ •' L! * ' .'i! r s » Vi 61 V «f^ickj