Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1938. Bestand UB Ffm
- Issue
- Juli 1938
- Date
- 1938-07-01
- Page
- Seite 60 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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Holland und Frankreich. Und gerade weil fast er amte damalige Bevölkerung der Vereinigten Staaten f .esen Lindern stammte, verschmolz sie ziemlich rasch mem neuen, mehr oder weniger einheitlichen Volk; in die genannten Lander Nord- und Westeuropas waren i rassischer, religiöser, kultureller (insbesondere sprachlicher) Hinsicht nahe verwandt und wiesen vor allem auch eine ähnliche wirtschaftiiehe Entwicklungsstufe auf. Dazu kam, daß das Land damals noch gewaltige leere Flächen umschloß, die den Einwanderer zum Siedeln anlockten. Im Zusammenhang hiermit waren es denn auch zum großen Ted jüngere Bauernsohne aus Nord- und Westeuropa, die nach den Vereinigten Staaten -zogen, um dort eine neue Heimstatte zu begründen; — es waren jiome seekers", wie. der bezeichnende Ausdruck lautet, und als solche mußten sie sich rasch verwurzeln und, insbesondere bei der amerikanischen Siedlungsform der einzelnen Farmen, auch rasch assimilieren. Der einzige Teil dieser Einwanderung, der sich sehr langsam assimilierte, war der irische; das starke, durch die frohere Unterdrückung in der Heimat erhärtete Zusammengehörigkeitsgefühl, der tiefe Einfluß der katholischen Kirche, eine ausgesprochene Neigung zum Stadtleben und zu bestimmten Berufen haben den Iren schon frühzeitig in Amerika eine Sonderstellung, verliehen. « ■ Das Jahr 1880 stellt aber sowohl in jüdischer wie in allgemeiner Hinsicht einen Wendepunkt in der Geschichte der Vereinigten Staaten dar. Die Einwanderung aus Nord- und Westeuropa, die sowohl im sogenannten „kolonialen Zeitalter", also im 16., 17. und 18. Jahrhundert, wie in der Zeit der „Old Immigration", d h. der schon verhältnismäßig starken Einwanderung zwischen den napoleonischen Kriegen und dem Jahr 1880, nach den Vereinigten Staaten geströmt und dort den Grundstock der Bevölkerung gebildet hatten, ließ mehr und mehr nach, — im -Zusammenhang mit der erfolgreichen Industrialisierung solcher Lander wie insbesondere Deutschland. Auf der anderen Seite aber begannen nun ganz andere Linder immer stärkere Auswandererscharen nach den Vereinigten Staaten zu senden — nämlich Italien, Oesterreich-Ungarn und das' russische Zarenreich. Dabei war es charakteristisch, daß aus den beiden letztgenannten Staaten nicht die eigentlichen Staatevölker, d h. nicht die Deutsch-Oester- - reicher, die Ungarn 'und die Russen nach den Vereinigten Staaten kamen, sondern vielmehr die sich unterdrückt fühlenden Fremdvölker — nämlich die Tschechen, die Slowaken, die Polen, die Ukrainer, die Finnen usw. — und nicht zuletzt in gewaltigen Scharen die Juden aus Galizien, Polen, Südrußland usw. Damit war der Charakter der Einwanderung von Grund auf verändert. Die Einwanderer kamen jetzt aus Lindern, die wirtschaftlich meist zurückgeblieben waren und einen niedrigen Lebensstandard aufwiesen; und auch in religiöser, kultureller und sprachlicher Hinsicht war naturgemäß die Kluft zwischen einem italienischen, slowakischen oder polnischen Landarbeiter und der amerikanischen Bevölkerung ungleich größer, als sie , etwa zwischen einem einwandernden' deutschen oder schwedischen Bauernsohn und den einheimischen Amerikanern gewesen war. Es kam hinzu, daß die neue Einwanderung — die „New Immigration", wie man sie bezeichnenderweise bald nannte — auch nicht mehr in dem Maße auf das flache Land ging,'wie die alte; denn einerseits war Amerika nicht mehr das Land der leeren Räume, sondern einigermaßen erschlossen, und andererseits bestand die Einwanderung nicht mehr vorwiegend aus Bauern söhnen, sondern in viel höherem Grade aus eigentlichen Proletariern, also aus Menschen, die Generationen hindurch besitzlos gewesen waren. Im Gegensatz zu den vorher erwähnten hörne seekers Waren sie nur „work seekers"; sie Waren darum zufrieden mit bezahlter Lohnarbeit und zogen dementsprechend in die nun mächtig aufschießenden Städte, wo sie die billigen Arbeitskräfte für .die Industrialisierung Amerikas stellten. In diesen Städten aber entstanden nun kompakte . Einwanderermassen der gleichen Nationalitjät — italienische und slowakische, polnische griechische und nicht zuletzt jüdische Vierde Assimilation an das amerikanische Leben jtsamt und der Zusammenhalt der Einsehr stark war. und ungarisch tal, in denen ungeheuer ve uni SO \ ■ t '> -. .hi? Auf diese Weise entstanden auf amerikanischem Boden immer mehr ständige Kolonien von Ausländem, die/ ihre angestammte Eigenart —- und das bedeutet in amerikanischen Augen fremdartiges Wesen — Jahrzehnte-durch erhielten, und bald ihre eigenen Zeitungen, Vereine, - Darlehnskassen, ihre Kirchen und sonstigen Formen des Zusammenlebens schufen. Die Zeit der New Immigration, der neuen Masseneinwanderung aus Süd- und Osteuropa, dauerte von 1880 bis zum Weltkrieg. Allmählich wurden nicht nur von seiten der Arbeiterschaft, die aus begreiflichen Gründen schon lange gegen den Massenzustrom billiger Arbeitskräfte protestierte, sondern vor allem auch in intellektuellen Kreisen warnende Stimmen gegen den ungeregelten Zustrom dieser buntscheckigen Masse laut. Dennoch wurden bis cum Weltkrieg kaum irgendwelche nennenswerten Einwanderungsbeschränkungen (soweit es sich um Europier handelte) eingeführt. Noch war in der öffentlichen Meinung der Glaube an die unfehlbare Wirkung des amerikanischen „Schmelztiegels" (melting pot) unerschüttert: man meinte, daß der Einfluß des großen, reichen Landes mit seiner Chance für jeden („America means opportunity") und der für unübertrefflich gehaltenen demokratischen Institutionen ziemlich bald aus jedem Einwanderer einen wirklichen Amerikaner machen würde, ohne daß besondere Schwierigkeiten zu befürchten seien. In diesem Glauben ließ man die Einwanderung immer mehr ansteigen — bis in der letzten Zeit vor dem Weltkrieg durchschnittlich weit über eine Million Menschen jährlich einwanderten. HL Der Ausbruch des Weltkrieges bedeutete auch hier einen entscheidenden Wendepunkt. Nun zeigte sich einer entsetzten Oeffentliehkeit, daß die Masse der in den letzten Jahrzehnten Eingewanderten noch keineswegs Amerikaner waren. Ihre politischen Sympathien .richteten sich im allgemeinen genau nach ihrer. Herkunft; auch nach jahrzehntelanger Ansässigkeit in den Vereinigten Staaten empfanden sie sich noch in erster Reihe als Italiener, Griechen, Serben, Polen oder Tschechen. Als, auf den amerikanischen Truppenübungsplätzen Dolmetscher für 40 Sprachen eingestellt werden mußten, als in großen amerikanischen Industriestädten Maueranschläge in 26 Sprachen erschienen, als vor allein ein Viertel der Militärpflichtigen sich dem Kriegsdienet mit dem Hinweis auf seine Zugehörigkeit zu fremden Nationalitäten entzog, und überdies ein großer Teil der Eingezogenen aus Analphabeten bestand, da trat die Gefahr des kulturellen und politischen Zerfalls der Vereinigten Staaten zum ersten Male mit aller Deutlichkeit vor die amerikanische Öffentlichkeit. Und dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch gewisse Vorgänge wahrend der Pariser Friedensverhandlungen; führten doch z. B. die Auseinandersetzungen über die Zuteilung Piumee an Italien oder Jugoslawien zu blut Zusammenstöße^jEwiachan Italienern und Jugoslawe In diesem Kriegserlebnis liegt der Schlüssel zur amerikanischen Einwanderungspolitik nach dem Kriege, die durch eine immer schärfere Beschränkung des Zuzugs im allgemeinen und der süd- und osteuropäischen Einwanderung im besonderen gekennzeichnet ist. Man will jede Gefährdung der inneren Einheit Amerikas verhüten und man unterbindet deshalb ' den Zuzug aller Elemente, die man für schwer assimilierbar hält. Auf der anderen Seite sucht man die schon im Land befindlichen Einwanderermassen aus Süd- und Osteuropa allmählich zu assimilieren, zu verdauen — und erblickt in der Frage, ob diese Assimilation der etwa 13 Millionen betragenden Massen der New Immigration gelingen wird, in vieler Hinsicht die Schicksalsfrage der Vereinigten Staaten. \ IV. Nur im Rahmen dieser Gesamtfrage der New Immi- Sation ist es möglich, die Judenfrage in den 'Vereinigten aaten richtig zu erkennen. In vieler Hinsicht ist die Judenfrage tatsächlich nur ein Teil dieses allgemeineren Problems der New Immigration; in manch anderen Beziehungen erweist sich allerdings die Judenfrage als eigenartig, ja einzigartig auch in diesem - Lande, das schon ."' ■■ : '•• ■i-! .-^ ^'•• ,. >■•',<•* ,;. warn t t-,.