Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand UB Ffm
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 82 (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
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1 ■ Tir ■■;••>■ J ■ r '' "~" Daß Columbien ein Laad der Zukunft nur für den ist, der die spanische Sprache beherrscht und zu einer völligen Umslellung auf die neuen Verhaltnisse bereit ist, wird in folgendem wichtigen Brief .des Columbianischen Einwanderer-Schutzkomitees in Bogota vom 5. Mai 1936 betont: „Wir müssen immer wieder feststellen, daß die Einwanderer aus allen Landern fast ausnahmslos sprachlich, psychisch und beruflich völlig unvorbereitet hierher kommen und sich so selbst die allergrößten Hindernisse für ihr Vorwirtskommen bereiten. Alle Mühe um den Einwanderer ist vergeblich, wenn dieser selbst nicht das Notige dazutut." Der vorstehende Brief des Schutzkomitees in Bogota wird durch ein Schreiben des Jadischen Hilfsvereins in Cnli (Sociedad Hebrea de Socorros) vom 3. Juli 1936 in interessanter Weise ergänzt: „Die Tatsache, daß in den letzten Monaten dieses Jahres eine Reihe Juden aus Deutschland nach Columbien und speziell hierher nach Cali gekommen sind und von uns mehr oder weniger definitiv untergebracht werden konnten, gibt uns Veranlassung, mit Ihnen in Verbindung zu treten. Cali Ist Columbiens größte Stadt-an der pazifischen Küste und wird praktisch von allen Aber Buena Ventura einreisenden Fremden besucht. Von den südamerikanischen Landern überhaupt durfte Columbien unter folgenden Voraussetzungen für Einwanderer wohl mit die'meisten Aussichten auf eine Eingliederung bieten: 1. Es maß sich um jugendliche, zumindest aber 100°'oig umstellungsfähige Menschen handeln, die nicht ganz mittellos seih sollen, d. h. wenigstens f ü r sechs bis acht Monate ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Bei columb. t 50—70 monatlichen Ausgaben bedeutet das also eine Summe von etwa 8 400—500. 2. Gute Sprachkenntnisse sind sehr wesentlich und erleichtern das Unterkommen sehr. Es läßt sich allgemein nichts Endgültiges sagen, welcher Beruf nun unbedingt die besten Aussichten bietet Die bislang eingewanderten Juden ans Deutschland (Junge Leute) konnten in kaufmännischen Berufen untergebracht werden.' Allgemein läßt sich Hagen, dsß für wirklich fähige Menschen kein Beruf — gründliche Kenntnisse der kiesigen Verhältnisse vorausgesetzt — ohne A—sinhten ist/ Lediglich Anwälte und auch Aerzte durften deshalb auf große Schwierigkeiten stoßen, weil man bei den staatlichen Prüfungen' Auslandern sehr ablehnend gegenübersteht — Zur Zeit ist die Situation für den Verkauf deutscher Waren hier nicht schlecht, so daß man als Vertreter leistungsfähiger deutscher. Häuser sieh wohl ernähren könnte. Selbstverständlich gehört auch dazu schon eine nicht unerhebliche Kenntnis von Land und Leuten. Auch jedes Handwerk, das natürlich wirklich gekonnt und möglichst mit einigem (wenn auch nicht erheblichem)' Kapital betrieben wird, hat gute Chancen. Es dürfte Sie endlich vielleicht interessieren, daß es hier bei einigermaßen günstigen persönlichen Voraussetzungen wesentlich leichter als in Deutschland ist, Kredite (insbesondere in Waren) su bekommen." " ,. Daß trotz der verhältnismäßig günstigen Bedingungen, über die der Hilfsverein aus Cali so optimistisch berichtet, durchaus nicht jeder Einwanderer sich durchsetzt, zeigt der folgende Brief eines enttäuschten Auswanderers aus Bogota vom 15. Mai 1936, der zugleich auch ein 'gewisses Licht auf das jüdische Leben in .Columbien wirft. ' „Das, was ich berichte, ist natürlich aus einem ziemlich Xn Gesichtswinkel gesehen. Die Ausländer haben sich vor i in Bogota niedergelassen. Dies gilt such für die Juden und insbesondere die Ostjuden, die hier sehr stark vertreten sind. Fast alle Strickwarenfabriken — ziemlich Ideine Betriebe — sind in ostjüdischen Händen. Ferner einige Lederwarenfabriken und eine sehr große Anzahl' von Kleiderläden usw. Die Ostjuden sind hier ziemlich unbeliebt und ihre Einwanderung ist beschränkt worden. Ein großer Teil der Eingewanderten ist zionistisch gesinnt; sin sind vielfach von Palästina, als dort Krise war, hierher ausgewandert Ein sehr großer Teil der hiesigen Juden istreich und verfügt über eigene Häuser, Autos usw. Wie wenig aber ohne die Umstimmung der .Gemüter durch eine starke organisatorische Persönlichkeit für jüdische Dinge gefühlt wird, zeigt das Fehlen eines würdiget) Bethauses. Für <be Flüchtlinge haben eich auch nur einige -Herren «itaresaiart, und es waren auch immer wieder dieselben, die 'dam oder jenem Hilfe zuteil werden ließen. ... Es wäre absolut notwendig, daß sich «die Juden in den Provinzstldten such etwas, auf ihre Pflicht I. . Jitlf ^- .«r gegenüber den' Flüchtlingen besinnen würden, denn die Anäufung der Einwanderer in Bogota wird, wenn es so weiter geht, böses Blut machen. Bogota ist nicht so groß, daß sie fn der Bevölkerung verschwinden' können, zumal sich das Leben' in der Innenstadt konzentriert. Bei einiger Organisation müßten sich die Leute auf die verschiedenen Provinzstädte verteilen lassen. Berufsaussichten: Hierüber ist ein Urteil sehr schwer; Angestellte jeder Art bekommen Löhne, die nach_jenru päischen Begriffen unerhört niedrig sind. £war kann ein Junggeselle mit 50 bis 60 Pesos im Monat ganz gut hier auskommen, wenn er sich den hiesigen Verhältnissen anpaßt, aber seine Entlohnung ist auch nicht viel höher, evtl. sogar niedriger, wenn er nicht gerade bei einer europäischen oder nordamerikanischen Firma angestellt ist Selbständige Handwerker werden ihr Brot verdienen können, wenn sie über das notige Anfangskapital, das m. E. 800 Pesos nicht unterschreiten sollte, verfügen und erst einmal einige Monate bei anderen arbeiten können, um die hiesigen Verhältnisse und die Sprache genügend kennenzu- , lernen. Nicht engagierte Wissenschaftler oder Ingenieure haben m. E. keine Chancen. Für Arzte und Zahnärzte ist keinerlei Hoffnung. ■*' Eigene Erfahrungen: Mir wurde ungefähr acht Tage nach meiner Ankunft eine Aushilfsstellung als Leiter eines Photolaboratoriums von Herrn G. bei einem Bekannten, der jemand dringend brauchte, besorgt Nach 2Vi Monaten war die Arbeit zu Ende, und ich .stand ungefähr am gleichen Punkte wie bei meiner Ankunft, da die ca. elf stündige Arbeitszeit mir keine Möglichkeit gab, die "Verhältnisse kennenzulernen oder Beziehungen anzuknüpfen. Es hat sich auch niemand bemüht, mir eine Stellung zu verschaffen (gerade mit Ausnahme dar ersten Stellung) oder sich in sonst einer Weise um mich und meine Frau gekümmert Ich fand dann eine Vortretet stelle bei einer amerikanischen Firma, die" ich nach zwei Monaten aufgab, da ich dort zusetzen mußte. Ich habe seitdem selbständig als Vertreter gearbeitet, aber die augenblickliche Krise and der sehr unregelmäßige Eingang der Provisionen, schließlich such die -nicht unbeträchtlichen Geschäftskosten bewirken, daß meine Existenz immer noch absolut ungesichert ist." : w; -:... . '•■ tS'^^^^i^sVH--. -. »' .'.' * - ■ . ■■ Mancherlei interessante Hinweise — für deren Richtigkeit wir freilich nicht bargen können — finden sich in einem sehr ausführlichen Brief aus Bogota vom Ende letzten Jahres: 'Die Stadt Bogota ist sehr groß, und stark In der europäischen Entwicklung begriffen. Im Hauptgeschäftsviertel ist ein -'Laden neben dem anderen. Typisch ist,' daß sämtliche Geschäfte so gut wie gar keine Front haben, fast nichts ausstellen— Ausnahmen bestätigen die Regel — und hinten laacikBi I große Räume mit viel Ware. In der Regel fahren die größeren Geschäfte hier vielerlei Artikel, so z.B. Konfektion, Schuhe, Modewaren, Lederwaren, Lampen, Koffer, Kurzwaren, Uhren, Eisschränke, Stoffe, Kleineisenwaren. Natürlich gibt es für all diese Branchen, und auch für die nicht genannten, Spezialgeschäfte, die meist zusammen in einem Viertal bzw. in einer Straße - liegen. Auch die größeren Geschäfte führen immer einen; von den genannten Artikeln als Hauptware und haben die anderen nur in ganz kleinem Umfange so nebenbei — Auffallend ist die große Anzahl von Drogerien, die sämtlich gut gehen, da hier fast alle Leute irgend etwas schlucken oder steh irgendein Mittel einspritzen oder einreiben. — Dann gibt es hier auffallend viel Schneidereien zu ebener Erde mit großen Stofflagern, die meist von Ostjuden betrieben werden, und auch viel Schuster, bzw. Schuhmacher, da der grüßte Teil der hier verkauften Schuhe von Hand gefertigt wird. Das Leben und Treiben erinnert stark an den Betrieb auf der Leipziger Messe, die Bürgersteige und Straßen sind fast immer so voll, daß man sich nur mit Mühe wahrend der Geschäftsstunden durchschlängeln kann. Im Anstand von ein bis zwei Minuten verkehren die Straßenbahnen, die »H«* mehr als besetzt sind, denn hier ist es erlaubt, auf den Trittbrettern zu stellen, und davon wird von jung und alt ausgiebig Gebrauch gemacht -: >. In den Kaffeehäusern wird der Kaffee schwarz getrunken, und man bezahlt überall für eine kleine Tasse 5 Cent Man kann aber keine große davon trinken, denn der Kaffee ist sehr stark. Das Pf und vom. besten Kaffes kostet 85 Cent Es wird m. E. an dem Kaffee, selbst' bei dem Preis von 6 Cent, noch viel verdient — Trinkgeld gibt eS nicht In den Kaffeehäusern wird auch Bier ausgeschenkt; dieses wird hier von zwei oder drei großen Brauereien hergestellt. Likör und Kognak müssen vom Auslaad eingerührt werden und kosten in den Geschäften pro V« Liter 5 bis 10 Pesos, Wein von 8,50 Pesos an aufwärt«, also kaum zu bezahlen. Das kommt daher, daß der Staat v4ei Zoll verlangt, und zwar vom Bruttogewicht, d h. mit Glas und Verpackung, und dann nimmt das Departement nishmal' r*usu; - i . hl.f. ir^ 'L- 'M tSülmlm-' l U:.i * f:'> T «. « ■ % i e ■