Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand UB Ffm
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 58 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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Ähnelt und von deutschen Brauereien hergestellt wird,, gilt als vorzüglich. Als Tischweü) wird europaischer Wein-- bevorzugt (vor allem, italienischer und portugiesischer). Die brasilianischen Mineralwasser sind von vorzüglicher Qualität. Die Kosten für die Ernährung richten sieh, abgesehen von den Ansprachen, die man stritt, vor allem danach,- ob man in einer Pension bzw. einem Mittagstisch ißt oder sich selbst verpflegt.« Man kann für die. Ernährung eLnes Einzelnen bei bescheidenen Ansprüchen 5$ pro-Tag ansetzen. Ein Frühstück mit' Kaffee, Milch und Butterbrot kostet. $500» Ein bescheidenes Mittagessen kostet etwa 1$200 bis 2$000, ebenso viel ein Abendbrot. Pur Lebensmittelpreise bei Selbstverpflegung, die sich für Familien immer empfehlen wird, geben wir folgende Beispiele: I kg Fleisch 1*600 - 2*000, koscher 2*200 II Milch «7t» s 1 kg Bohnen $«00 f* 1 kg Reis *«00 1 kg Kartoffeln «800-1*100 1 kg Butter ««000-8*100 l Dutzend Bananen " «300— «500 1 Dutzend Orangen »600—1*000 Wenn man diese Preise .in deutsche Wahrung umrechnet, so ergibt sich, daß Lebensmittel in Brasilien ■erstaunlich billig sind — wenigstens solange man sie nicht .mit deat<d»rasüianisehen Löhnen und Gehältern vergleicht,~sondetir an Einwanderer denkt, die mit etwas Kapital ins Land •'•kommen. Pur „Rentiers" ist Brasilien heute sicher eines 'der empfehlenswertesten Länder,_ 4 Kleidung ' Der Brasilianer der guten Gesellschaft kleidet sich sehr sorgfältig," aber nicht auffallend. Auch bei tropischer Temperatur gestattet' er sich keine Nachlässigkeit in der Kleidung. Es ist unmöglich, sich auf den Straßen, in der Straßenbahn oder in Gaststätten ohne Jackett aufzuhalten. Als peinlich wird auch alles empfunden, was etwa daran erinnern könnte, daß Brasilien 'ein Kolpnialland sei., Deshalb trägt der Herr zwar St rohhüte und selbst in der größten Hitze leichte Filzhtite, aber niemals einen Tropennelm. Oberhemden mit abknöpfbarem Kragen werden'gegenüber Sporthemden mit angeschnittenem Kragen , .bevorzugt. Als Oberkleidung trägt man leichte helle oder dunklere Wollstoffe oder helle Leinenanzüge. Großer Wert wird auf elegantes Schuhwerk gelegt (Leinen- oder leichte Lederschuhe). Im Innern des Landes muß man natürlich feste hohe Stiefel tragen. Im übrigen gilt für Brasilien das gleiche, was oben über die Kleidung Argentiniens gesagt wurde. V. Gesellschaft und Kultur Für den Einwanderer ist es von besonderer Wichtigkeit, sich bald mit der brasilianischen Mentalität vertraut zu machen und auf sie Rücksicht zu nehmen, damit er die Menschen, die ihm ihrer Natur nach" hilfsbereit entgegenkommen, nicht; unbewußt verletzt. Selbstverständlich hat auch.der Brasilianer seine kleineren oder größeren Schwächen. So »ist er z. B. gegen Kritik sehr empfindlich, besonders wenn dadurch seine . Vaterlandsliebe oder der Stolz auf sein Land verletzt wird. Kein Einwanderer darf sich gleich über ihm unverständliche Imrichtungen und Gewohnheiten abfällig äußern oder seinem \erger Ausdruck verleihen,/ wenn beispielsweise ein Beamter sein Versprechen für einen bestimmten Tag nicht innegehalten Inn. .Der brasilianische Beamte ist außerordentlich höflich, aber die Erledigung toft kleiner Angelegenheiten dauert, für deutsche Begriffe manchmal recht lange. Gegen die in unteren Beamtenkreisen übliche Bereitwilligkeit, Gelder anzunehmen, geht die gegenwärtige Regierung vor. Ihr Einfluß hat sich bereits günstig auf die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit des allgemeinen Geschäftsverkehrs ausgewirkt. Trotzdem wäre es sicher falsch, beim Durchschnitte-Brasilianer jenen unbedingten Kvspckt vor dem geschriebenen Gesetz anzunehmen; wie er etwa in Deutschland Üblich'ist. Vielmehr ist hier alles sehr viel „gemütlicher", larger und laxer als wir 'es gewohnt sind. — Die Eigenart der brasilianischen G e s e 11 s c h a f t wird von folgenden vier Faktoren bestimmt'. rasilien war portugiesische« Kolo- Es ist das einzige Land Südamerikas mit er—'-Umgangssprache; der ständige Einwaisderuigsstrom aus Portugal und die enge kulturelle Verbundenheit mit dem Mutterland hat auch nach der Gewinnung der Selbständigkeit nicht nachgelassen. Die Portugiesen kamen nicht in erster Linie als geldhungrige Konquistadoren 'und religiöse Fanatiker nach Südamerika wie die Spanier, sondern als Kaufleute. Sie trafen nicht auf eine nochkultivierte Eingeborenenrasse, sondern auf kulturell tiefstehende Indianerstämme, : die zwar nicht gänzlich ausgerottet wurden, aber schnell nach der Berührung mit der europäischen Zivilisation degenerierten oder in einer neuen Mischrasse aufgingen. Zweitens: der dadurch entstandene Arbeitermangel wurde durch' Einfuhr von Negersklaven wettgemacht. Leber die Negerfrage und die Gleichgültigkeit des Brasilianers in Rassefragen wurde im Kapitel „Bevölkerung" berichtet. Drittens: die brasilianischen Staaten führen ein stark partikularistisches Eigenleben. Die große -räumliche Ausdehnung des Landes, die mangelhaften Verkehrsverhaltnisse und die oft sehr scharfen wirtschaftlichen Gegensätze zwischen den verschiedenen Landes- ' teilen bewirken, daß die südbrasilianischen Staaten teilweise in engerer Verbindung mit den Nachbarrepubliken L'ruguuv oder Argentinien stehen als mit den nordbrasilianischen Einzelstaaten. Daher fühlt sich auch heute noch der Brasilianer kaum als Bürger des Bundesstaates Brasilien, er ist vielmehr von einem eigentümlichen Lokalpatriotismus, wie dein des „Paulista", des Einwohners von Sio Paulo, und dem des „Carioca", des Einwohner» von Rio de Janeiro, beherrscht. Viertens: Brasiliens W i rtschaft ist zwar stark national gebunden; nur. ein geringer Prozentsatz d 1 brasilianischen Bevölkerung arbeitet für Wirt schalt s- ' zweige, die auf das Ausland hin orientiert sind. Doch, verhält es sich umgekehrt mit der brasilianischen Kultur, die in ihren' Grundzügen vom Aualand — . vor allem. Portugal, Frankreich' und dein Vereinigten Staa* ten —f bestimmt wird und es noch nicht zu einem echten Eigenleben gebracht hat. ' Die g e s e 11 s c h a f 11 i oh e" S p h ic h t u n g des brasilianischen. Volkes hängt eng mit dem Rassenproblem , zusammen. Mari kann allgemein sagenr je dunkler die . Hautfarbe, destb bescheidener die soziale Stellung. Bezeichne ml aber ist; daß' gerade Ausnahmen von dieser Regel möglich und nicht selten Sind. Man findet *• Persönlichkeiten mit sehr starkem dunklem Bluteinschlag in wichtigen politischen und wirtschaftlichen Schlüsse)*'. Stellungen. — ■ Die oberste, sozusagen feudale Gruppe der brasilianischen Gesellschaft bilden die Großgrundbesitzer und das höhere Beamtentum; diese „Liisobrasilianer" — d. h. Brasilianer portugiesischer Herkunft *— sind wohl die einzige Bevölkerungsgruppe, die sich verhältnismäßig rein weiß-erhalten hat. Zu dieser obersten Schicht rech», neu auch die Politiker, die zumeist aus dem Hechts-, Medizin- und Ingenieur-Studium hervorgegangen sind. Die nächste sozusagen „großbürgerliche" Gruppe," die der Großkaufleute und Industriellen, vor allem die „Geld»* arisiokratie", steht zu der ersten Gruppe in keiner Verwandtschaftlichen' oder engeren gesellschaftlichen Beziehung, obwohl ihr Einfluß wegen ihrer wirtschaftlichen . Macht, die noch zunehmen wird; nicht xu* unterschätzen ist. — Die bürgerliche Mittelschicht ist noch Verhältnis- : mäßig dünn, muß aber im Laufe der Industrialisierung wachsen. In ihr finden sich die kleinen Kaufleute und Angestellten, Techniker und mittlere Beamte. — Schließ-5; lieh ist noch die städtische Arbeiterschaft zu neinn. deren politische Bedeutung mit fortschreitender Iif dustrialisierung wächst, und die wirtschaftlich und kul» tuieil auf sehr niedriger Stufe stehende Landarbei är* schaft. — . v Sj* Kin ganz besonderer Typ/ der brasilianischen Unterech Jtv ist der Ca'boclo, der mit dem italienischen Lazzarone >ei \ glichen wird Stets Mischlins, lebt er sehr bedürfnislos na - wird jede Arbeit ablehnen, der er sich nicht zur Bestreitung (ei -"•igsten Lebensunterhaltes unbedingt umerziehen rhuÄ.. 5« . I