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Jüdische Auswanderung · 1936-09-01 · September 1936 · p. Seite 35

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Journal
Jüdische Auswanderung
Volume
1936. Bestand UB Ffm
Issue
September 1936
Date
1936-09-01
Page
Seite 35 (sequence 37)
Language
German
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selbständige Tätigkeit gesucht. Ueber seine Erfahrungen und Eindrucke' berichtet1 ein Einwanderer aus Buenos Aires am 25. April 193«: »Wer-hierher kommt, mit" der feston Absicht, Arbeit tun jeden Preis anzunehmen, gleich weicher Art, dar findet auch immer so'viel, wie er zum Leben braucht, muß aber natürlich die Augen offen halten, um möglichst bald etwas Besseres zu finden. Das Alter spielt natürlich eine große Rolle. Mit 20 Jahren ist man eher bereit, als Laufbote, Packer «dar Bauarbeiter an gehen als mit SO und mehr. — Was fast immer, bei einigermaßen Verbindungen, au habe* ist. sind Stellungen als Vertreter bzw.. Reis—da. Naturlich wird hier selten ein Fixum gezahlt, sondern man ist auf Provision angewiesen. Hierzu gehört eine ziemliche Ausdauer, besonders in geldlicher Hinsicht, da es aar sehr lengieai vorwärts geht mit dem Verdienen. Ich habe in diesem Beruf etwas Glück gehabt insofern, als mir mein jetziger Chef eine Grundlage für den Vertreterberuf gegeben hat, d. b. er zahlt mir monatlieh 100 Pesos, die kein Fixum; darstellen, auch keine Garantiesumme, -sondern eine 'Art Vorschuß. Von den Provision«Verdiensten wird spater diese Summe abgesetzt. £s dauert1 seiner eigenen Erfahrung nach etwa ein Jahr, bis man die Fracht« seiner Tätigkeit sieht, doch hatte ich das Zutrauen au mir, es in dieser Zeit such wirklich zu schaffen. Ich hoffe and glaube, mich nicht getauscht zu haben. Ich sehe jetzt, nach 2»^ Monaten, die ersten kleinen Erfolge. Man muß unendlich viel Geduld haben. Mir sind andererseits in der Zwischenzeit dreimal Stellungen im BQro angeboten worden, die ich abgelehnt habe, da ich meinen freien, wenn auch vorlaufig schwereren "Beruf vorziehe. Es sind aber offensichtlich immer wieder Stellungen zu haben, wenn auch nur wenig bezahlt wird (80, 190, 120 bis zu 150 Pesos monatlich). Ich muß allerdings dazu bemerken, daß alle drei Stellungen darauf beruhten, daß ich die englische Sprache in Wort und Schrift vollkommen beherrsche. Und englisch ist hier im Geschäft fast so wichtig wie die Landessprache, die ich ja immerhin auch ganz gut konnte, als ich ankam. Dies ist beides zu berücksichtigen. Der Lebensstandard ~ ist so, daß Zimmer,-Wohnungen usw. verhältnismäßig teuer sind, Lebensmittal bzw. Essen dagegen billiger' als dort. Auch hier kommt es natürlich auf die Ansprüche an. v In handwerklichen Berufen jeder Art ist es freilich' leichter, Stellung zu finden. Ein Schiffskollage von mir z. B„ der bei der Ankunft noch keine 17 Jahre zählte, erat Vi Jahr in.der Lehre gewesen war als Lehrling der Elektrobranche, bekam -sofort (allerdings durch Vermittlung seiner Vettern) eine Anstellung zu 80 Pesos and ist ieUt inzwischen auf 60 Pesos erhöht worden, wovon er gerade selbst leben kann. Aber es darf ja nicht vergessen werden, daß der Jung« nicht ausgelernt hatte und eigentlich doch erst seine Lehrzeit absolviert. Aach Sprachkenntnisse hatte er so gut wie keine.' ' , Ich kann Omen also beruhigt sagen, daß in Buenos Aires zwar die Stellungen nicht auf der Straße liegen, aber, gewisse Kenntnisse vorausgesetzt, ein Durch- und Vorwärtskommen möglich isU" •4«t* •*»»U ajÄr *!»*< W».'*k .!itt)-#K **» Iii*, t<*H{U? 1 " Zur Ergänzung geben wir folgenden Brief vom 22.. Juni "1936, der über das -Laben eines kaufmännischen Angestellten in Buenos Aires unterrichtet, wieder': „Ich glaube Ihnen bereits berichtet zu haben, daß ich meine Anstellung auf Grund einer Empfahlung aus England erhalten habe. Es ist ein Engros-Geschäft in Damenstoffen, dessen Inhaber Engländer ist. Mein Anfangsgehalt beträgt 100 Pesos. Ich bin vorläufig noch auf dem Lager beschäftigt, hoffe jedoch in 1 bis 2 Monaten ins Büro und zum Verkauf zu kommen Alsdann habe ich auch Aussicht, Gehaltserhöhung von vielleicht 25 Pesos zu bekommen. Ein Vorwärtskommen ist nur möglich, wenn man die Landessprache voll und ganz beherrscht. Ich bin heute bereits, so weit, daß ich alles gut verstehe, und nur noch selten kommt ein Wort vor, daa ich nicht weiß. Dagegen macht das Sprechen noch etwas mehr Schwierigkeiten. Mit meinem Gehalt von 100 Pesos kann ich auskommen, d. h. ich kann damit mein Zimmer, daa Elisa, sowie Wäschegeld bezahlen. Für Taschengeld reicht es dagegen nicht mehr. Allerdings muß ich bemerken, daß ich sehr anständig wohn« und auch gut esse. Man kann auch noch billiger wohnen, wenn man nicht unbedingt auf eilt sauberes und luftiges /immer Wert legt. Gerade in dieser Hinsicht muß man hier sehr vorsichtig sein, denn es gibt in den alten Häusern sehr viel Ungeziefer, und im großen und ganzen sind die argentinischen Pensionen nicht sehr saubar. Wenn ein Einwanderar neu ins Land kommt und, wie es meistens dar Fall ist, die. Landessprache nicht beherrscht, so ist.ee für ihn selbstverständlich sehr schwer, ohne Empfehlungen sine passende Anstellung zu finden. Es' Ist deshalb sehr von Wert, wenn man sich Kenntnisse der in Europa aneignet. der spanischen es sehr gut, w Sprache schon Sich wenn man einige Empfehlungen verschafft und mitbringt.' Arbeitsmöglichkeitea gibt es hier genug und jeder, der arbeiten will, kann auch solche finden. Man muß sich nur ganz umstellen, indem man sich mit der Tatsache abfindet, daß man in Südamerika ist und hier neu anfingen muß. So sind z. B. einige Emigranten, die früher in Deutschland sehr oute Anstellungen in Warenhäusern usw. hatten, hier Handlanger oder Anstreicher bei ""Neubauten geworden. Ferner sind verschiedene als „Mädchen für alles" in Pensionen untergekommen. Hier machen meistens Männer-und nicht Frauen alle Hausarbeiten. Neben der Landessprache ist such die englische Sprache hier sehr wichtig, da es ungeheuer viele englische Finnen gibt. Das Klima ist ertraglich. Gestern war hier Wintersanfang. Es gibt jetzt manchmal Tage, wo das Thermometer bis auf 9 Grad Celsius fällt, jedoch nur sehr selten. Durchschnittlich sind die Temperaturen jetzt im Winter 10 Grad Celsius. Als ich am 3. März hier ankam, habe ich noch die letzten zwei heißen Wochen mitgemacht. Die durchschnittlichen Tagestemperaturen waren damals 38 Grad Celsius im Schatten. Dabei herrscht hier sowohl im Sommer als auch im Winter, eine ungeheure Luftfeuchtigkeit, die die Hitze noch unerträglicher macht Trotzdem kann man sich auch an das Klima gewöhnen, sofern man nicht ausgesprochen überempfindlich infolge irgendwelchen Leidens ist. Ich habe mir wegen der Hitze hier viele Sorgen gemacht, da ich schon in Europa, wenn ein überheißer Sommer war, darunter gelitten habe. Hier habe ich mich aber viel schneller daran gewöhnt, als ich es für möglich gehalten habe." ■ il Während sich* die Schreiber der ersten beiden Briefe noch rechC qu&len müssen, um den, Lebensunterhalt im fremden Lande zu verdienen, ist der Verfasser des folgenden Briefes schnell „arriviert" und fühlt sich glücklich: u -w Buenos Aires, 1. Mai 1986 „Ich bin nun seit Mitte Januar hier und habe in diesen drei Monaten sehr viel Arbeit gehabt, und auch füa die nächste Zeit wird es so weitergehen, Ea macht mir aber sehr viel Spaß und vor allen Dingen habe ich gute Erfolge. Ich bereue den Entschluß, hierhergegangen zu sein, ganz und gar nicht, im Gegenteil, ich bin rächt zufrieden und habe anscheinend .hier auch noch große Chancen. ' Im Laufe dieses Monats kommt bereits meine Frau hier an, und clann denke ich mir in Kürze eine kleine elegante Wohnung ■ in einem der Wolkenkratzer zu nehmen, 'die hier fast ausschließlich bisher für Wohnzwecke gebaut wurden. In den Sommermonaten, hier fast'sechs Monate, ist es natürlich sehr angenehm, in der Nähe zu wohnen, denn die Temperaturen sind doch recht hoch, aber bisher fühle ich mich hier sehr wohl' und habe mich auch ganz gut eingelebt In jeder Woche kommen heue Einwanderer und Touristen, die hier Unterkommen - suchen, und für den Hilfsverein gibt ea viel Arbeit. Leider ist die Unterbringungsmöglichkeit jetzt auch ■ sehr schwer geworden, und nur zu viele ahnen gar nicht, wie schwer hier gearbeitet werden muß, ganz gleich, ob ~man eine gute Position gefunden hat oder eine kleine Stellung. Auch nur wenige eignen sich dazu, ins Land zu gehen, denn dazu wird außer einer energievollen Arbeitskraft auch noch eine gute Gesundheit benötigt" Ein Einwanderer, der als Vertreter einer Kaffeefirma tätig ist und sich dabeinicht schlecht steht, berichtet mit einem sicher übertriebenen Pessimismus,über die Aussichten kaufmännischer Einwanderer in -Buenos Aires und mochte die kommenden Immigranten, möglichst in die Provinz leiten: ~->------ Buenos Aires, den 20. Juli 1936 „Wir Europäer glauben, dsß wir auch in Amerika unsere kaufmännischen Erfahrungen genau so wie in- Europa verwerten können. Dasist schon eine falsche Voraussetzung. Andere Länder, andere Leute, andere Sitten., Die Aussichten für Kaufleute sind hier sehr minimal; es gibt Emigranten, die sich auch hier kaufmännisch betätigen, aber sie sind weit in der- Minderheit und haben es dann größtenteils einem Glüoksfall zu verdanken. Die Angestellten werden hier schlechter besoldet als in Europa, und abgesehen davon können sie von heute -auf morgen ihre Stellung verlieren. Welcher Geschäftsmann hat denn schon ein -großes Interesse daran, einen Menschen in ■einem Betrieb einzustallen, der die Sprache nicht perfekt beherrscht, dem Betrieb also nicht viel nützen kann! Die wenigen Geschäftsinhaber, die jüdische Emigranten einstellen, tun es, weil es halt Emigranten sind, und dementsprechend ist naturgemäß .die Bezahlung. loh habe nie geglaubt, daß der Peso so schwer zu verdienen ist, wenigstens für uns Emigranten. Hier beißt es in der ersten Zeit Jede Verdieastmöglichkeit, gleich welcher Art sie such seih mag, blitzschnell ergreifen und ausnützen. Das Ekaigrantenschicksal, das/ Elend ist /auch hier unendlich groß. Warum denn, so frags ich mich immer wieder, konzentriert sich denn alles

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