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Jüdischer Almanach · 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 141

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5697 (1936-1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 141 (sequence 143)
Language
German
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141 verständigen, aber man suchte sie vergebens. Sie war wohl inzwischen mit den anderen Kindern weiter hinaus aufs flache Land in eines der größeren Barackenlager für Flüchtlinge befördert worden. Der Sekundärarzt nahm besonderen Anteil an dem Knaben, dessen Vertrauen er zu erwerben gewußt hatte. Die schüchternen, oft recht ungewöhnlichen, gar nicht kindlichen Fragen und Reden hatten seine Aufmerksamkeit erregt. Den Knaben beschäftigte am meisten die Frage, ob die Menschen, die Böses tun, nicht unter Gottes Verachtung so sehr leiden, sei es in dieser oder jener Welt, daß sie weit mehr zu bedauern seien als die, denen Böses getan wird: »Ich glaube, sie fühlen schon etwas davon während sie Böses tun«, sagte der Knabe geheimnisvoll. »Darum sind sie dabei wohl immer so wild und unmäßig laut und lustig.« Er meinte, daß sie das Wissen von dem, was weiter reiche als ihr Auge und ihre Faust, in sich übertönen müssen. Wohl sei es ein schweres Schicksal, unschuldig zu leiden, aber ein schwereres, schuldig zu werden. Und das Vergnügen, andere leiden zu machen — was könnte das schon für ein Vergnügen sein? — in eine Zukunft unabsehbar lang als Sünde zu tragen. Tränen brachen bei diesen Worten aus den Augen des Kindes. Vergeblich suchte der Arzt, ihn von solchen Gedanken abzuwenden, ihm zu erklären, daß es derbe Seelen genug gebe, die nichts von Schuld in ihrem bösen Tun erkennen. Leiser wollte es nicht glauben. Und nicht nur wenn er davon sprach, beschäftigte ihn derlei. Oft fand ihn der Arzt mit tränenüberströmten Wangen. Es entwickelte sich eine richtige Freundschaft zwischen dem noch jungen Arzt und dem Knaben. Er brachte ihm einen Malkasten, Blücher, lehrte ihn Brettspiele. Leiser war dankbar und folgsam, aber die schwermütigen Bilder und Gedanken wichen nicht von ihm und lagen wie ein Schatten über all seinem Tun. Der Arzt beschloß, die zarte Seele des Kindes, an der das Leid der Welt wie eine Krankheit fraß und die die gefährlichen Fragen des Glaubens wundstachen, nicht den erbarmungslosen Zufällen des Flüchtlingselends wieder zu überantworten. Er wartete nicht das Ergebnis der Nachforschungen nach Leisers Angehörigen ab, die ihren schwerf älligcn bürokratischen Weg gingen. Er brachte ihn in einer befreundeten Familie unter und sorgte auch weiterhin für seine Erziehung. Er sah in dem blassen klugen Knabengesicht mit dem uralten Leid in den fragenden Augen eines der Schicksale der

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