Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 127 (sequence 129)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4919024-4920015--0922-4920144- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
127 Stefan Zweig: M en o ra h An jenem dreizehnten Abend der vandalischen Plünderung saßen am linken Ufer des Tibers, dort wo der gelbe Fluß sieb träge krümmt wie eine überfütterte Schlange, die Juden der römischen Gemeinde zusammen im Hause Mose Abthaiions. Er war keiner der Großen in der Gemeinde und kein Kenner der Schrift, nur ein alter, harter Arbeitsmann, aber sie hatten sein Haus gewählt zur Zusammenkunft, weil die ebenerdige Werkstatt mehr Raum bot als die andern verwinkelten Stuben. Seit dreizehn Tagen saßen sie so täglich alle beisammen mit grauen, übermüdeten Gesichtern, in ihren weißen Sterbegewändern, die Juden Roms, und beteten im Schatten der verschlossenen Läden zwischen den aufgehängten Rollen, den getünchten Tüchern und breiten Bottichen mit einer dumpfen und fast schon betäubten Beharrlichkeit. Bisher hatten sie zwar nichts Böses erlitten von den Vandalen. Zwei- oder dreimal waren Trupps, begleitet von ihren Führern und Schreibern, durchgezogen durch die niedere, enge Judengasse, wo die Nässe von vielen Überschwemmungen her wie Schwamm in den Fliesen der Häuser saß und manchmal in kalten Tränen von den versinterten Wänden niederrann; ein verächtlicher Blick genügte den geübten Räubern, um zu erkennen, daß in dieser Erbärmlichkeit nichts zu beuten war. Hier schimmerten keine marmorgetäfelten Peristyle, keine goldblitjenden Triclinien, hier bargen sich nicht erzene Statuen und Vasen. So zogen die Raubtruppen gleichgültig an ihnen vorbei, und keine Schätzung, keine Plünderung drohte. Aber dennoch waren die Herzen der Juden Roms bedrückt, und sie drängten zusammen in beängstigtem Vorgefühl. Denn Unglück in der Stadt, in dem Land, da sie wohnten, — das wußten sie nun schon seit Geschlecht und Geschlecht —, wandte sich schließlich immer zum Unglück für sie. Im Glück vergaßen sie die Völker und achteten ihrer nicht. Da schmückten sich die Fürsten und bauten und trieben Prunk, und der Pöbel hatte seine grobe Lust mit Hatjen und Jagden und Spielen. Aber immer, wenn Notstand kam, gab man ihnen die Schuld. Schlimm war es, wenn die Feinde siegten, schlimm, wenn eine Stadt geplündert wurde, schlimm, wenn Pest oder Krankheit in die Länder kam. Alles Böse der Welt, sie