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Jüdischer Almanach · 1937-01-01 · 5697 (1936-1937) · p. Seite 87

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5697 (1936-1937)
Date
1937-01-01
Page
Seite 87 (sequence 89)
Language
German
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87 und der ihn umgebenden Nationalkultur steht und dieses Zwitterdasein mit alles überrennendem glühendem Einheitsverlangen durch seine unbedingte Ehrlichkeit zu klarem Ausdruck bringt. Gustav Mahler wurde in einem kleinen Dorf an der böhmisch-mährischen Grenze 1860 geboren als Sohn eines jener bescheidenen Gemischtwarenhändler, wie man sie als jüdische Typen in den böhmischen Dörfern so gut kennt. Die tschechische Landschaft seiner Kindheit blieb in seiner treuen Seele lebendig und verschmolz deutlich mit seiner zweiten Heimat, dem Wiener Wald. Nach absolviertem Konservatorium mußte er sich, völlig mittellos, fünf Jahre lang an kleinsten Provinzbühnen herumquälen, bis er nach Prag, dann als Nikisch's Stellvertreter nach Leipzig kam und durch Angelo Neumanns Entdeckerblick ihm die Berufung an die Budapester Hofoper den großen Wirkungskreis eröffnete. Hier hat er, der Fremde, aus Widerwillen gegen alles Halbe, unkünstlerisch Oberflächliche, die Notwendigkeit erkannt, eine ungarische National-Opernbühne zu schaffen. Und er, der die Sprache gar nicht kannte, räumte in seiner zielsichern Energie mit dem Sprachenchaos der Gast- und Starwirtschaft auf und schuf aus übersehenen Begabungen, die er zum Teil unter den Eleven hervorholte, ein bodenständiges Ensemble, aus dem ein nationaler Stil sich entwickeln konnte. Ein strahlender Gegenbeweis gegen die Behauptung, daß ein Jude in der fremden Kultur unbedingt als Bazillus verwaschenen Kosmopolitismus wirken müsse. Mahlers rücksichtsloser Kampf gegen Schlamperei und Protektionswirtschaft wie seine kompromißlosen hohen Ansprüche an Sänger, Orchester und Ausstattung, die seine in der Theatergeschichte zum Vorbild gewordenen Muster- Aufführungen erforderten, ließen überall tückische, heimliche Feindschaftsverscbwörungen im Schatten hochmögender Persönlichkeiten erstehen, die ihm das Bleiben unmöglich machten. So war es in Budapest, so, nach den sechs Jahren seiner Hamburger Tätigkeit, zulegt sogar in den zehn Jahren seiner berühmten Begentschaft an der Wiener Hofoper. Die Intrigen, die ihn von hier vertrieben, hatten aber auch andere Gründe, nicht zulegt seine Abstammung, die er nie verleugnete. So sagte er einmal in einer Audienz Kaiser Frana Josef gegenüber: »Wir Juden —«, nachdem er längst getauft war. Die Taufe war übrigens bei ihm keine äußere Nachgiebigkeit zur Berufserleichterung, sondern ein aufrichtiges Bekenntnis, da er nicht ahnen konnte,

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