Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 88)
- Language
- German
- Belongs to
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86 Ureigenes vermochten sie nicht zu schaffen. Und wenn sie es versuchten, wurde es schwächliche Epigonen-Leistung, wie bei Goldmark und Ignaz Brüll. Erst als wieder Vertiefung und Verinnerlichung des Bewußtseins jüdischer Gemeinschaft eintrat, ein Wendepunkt der Selbtbesinnung, als man von der eigenen Vergangenheit nicht mehr verschämt wegsah, erstanden unter den Juden wieder originale schöpferische Geister von Weltbedeutung. Wie in den anderen geistigen Bezirken Sigmund Freud, Henri Bergson, Wassermann usw., in der Musik Gustav Mahler und Arnold Schönberg. Die uns völlig unverständlichen Ausbrüche des Mißverstehens, der spöttischen Geringschätzung oder des giftigen Hasses gegenüber der Erscheinung Gustav Mahlers beziehen sich fast ausnahmslos auf dasselbe: Auf das Frappierende — wir empfinden: das Bezaubernde — der Widersprüche, die auf den ersten Blick auffallen, ob man nun den Menschen oder die Musik Mahlers betrachtet. Die Paradoxie seiner Persönlichkeit, das Umspannen der schärfst zugespitzten Gegensätze. In der Musik das Pathos der Probleme, der wuchtigen seelischen Fragen neben der naiven volkstümlichen Anmut der in Melodie umgesetzten Landschaft. Ländler, Militärmusik, Wiener Praterklänge und unmittelbar darauf die Feierlichkeit schmerzvollster Beichten der verzweifelten Seele in edelster Herbheit nie erhörter kühner Dissonanzen und fremdartiger assymetrischer Melodik. Diese Gegensätze gab es in gewissem Ausmaß wohl auch bei seinem Vorbild und Lehrer Anton Bruckner. Aber bei Mahler tritt noch zu diesen beiden Elementen die ironische Spottlust, die bittere Heiterkeit. Zur religiösen Andacht und zum freien Schwung des Volkstanzes der karikaturistische Witz. Adolf Weißmann kennzeichnete Mahler so: »Ein Philosoph und Volksredner, ein Träumer und Bealist, ein Wabrheitsfanatiker und Fantast, ein liebender Schwärmer und bitterer Kritiker.« Dies Unmögliche zu vereinen ist ihm das einzig Natürliche, daher die ekstatische Krampfbaftigkeit als elementares Naturphänomen seines Wesens und seiner Kunst. Fühlen wir nicht in diesem übermenschlichen Heroismus, der eine tragische Gespaltenheit seines Wesens zu überwinden strebt, etwas, das uns sehr nahe angeht? Mahler ist der einzige, zum vollkommenen künstlerischen Bilde gerundete Seelenspiegel des Juden seiner Zeit, der spätliberalen Ära vor der Jahrhundertwende und damit des Galuth-Juden überhaupt, der zwischen seinem Judentum