Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 145)
- Language
- German
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Eine jüdische Anekdote 143 wickelte ihn in ein großes Tuch, flog zum Tisch, ergriff das kleine Bündel mit Lebensmitteln, flog hinüber zu Raitschka, versetjte ihr einen Hieb, rief zu David: »Schlage nicht die Kinder — du bist doch der ältere.« Tastete in der Tasche nach dem Gelde, ließ das Bündel mit den Lebensmitteln fallen, fing es wieder auf — und verschwand mit den legten Worten: »Baden Sie und füttern Sie die Kleinen!« Als Frau Freiberg endlich im Zuge saß, sprach sie zu sich selber: »Frau Freiberg, jet}t kannst du bis am nächsten Morgen schlafen, che, che ... Ich denke du hast es ehrlich verdient, Frau Freiberg.« Des Morgens saß Surah im Wartezimmer des Okulisten. In ihrem Schoß hielt sie den schlafenden Arontschik, umhüllt von einem dunklen Tuch und wartete nervös den Empfang. »Bitte!« Surah erhob sich, trat in das Empfangszimmer des Arztes und machte vor ihm eine tiefe Verbeugung: »Guten Tag, Herr Doktor! Wie geht es ihnen. Ich brachte ihnen mein Kind. Mit dem Auge ist etwas bei ihm los, ich weiß nicht was. Es ist eine Qual.« Der Arzt näherte sich, half der Frau ihr Kind aus dem Tuch zu befreien und, nachdem er dem Kinde die Augen aufgerissen hat, untersuchte er sie. »Hm!«, sagte er, »eigenartig... äußerlich ist nichts zu merken.« Und in diesem Augenblick ertönte ein unnatürlicher, heiserer, geplagter Schrei der Mutter: »Herr Doktor! Ich habe nicht das richtige Kind mitgenommen!« VI. Wenn Gott von der Höhe seiner Himmel auf die vom Herbstregen naßgewordene Erde hinuntersehen könnte, würde er einen über die unendliche Ebene hinkriechenden Wurm erblicken. Dieser Wurm ist der Zug, in welchem Surah mit ihrem Semka nach Hause fährt. Sie fährt und denkt: »Mein Herz klopft jetjt stark. So stark, daß wenn es plagen würde, alle Leute von diesem Gepolter taub würden und das Leben auf dieser Welt ihnen zum Überdruß würde... Och, choaa ... Gott sieht alles!«