Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 130)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4919024-4919797--0705-4919927- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
128 Heinz Politjer abends bei ihm saß und verzückt lauschte, wenn er die fremdartigen Lieder seiner Heimat sang, kam eines Tages vor Eintritt der Dämmerung in sein Zelt geschlichen und erbot sieb, ihn heimlich auf sichern Wegen zu einem Canoe an eine Stelle des Strandes zu führen, wo er unbemerkt zu den großen Schiffen der weißen Männer, die neu angekommen waren, hinübersetjen konnte. Sie begriff nicht, warum er das nicht wollte und weshalb das für ihn nicht die Zuflucht vor der Gefahr hier war. Niemand glaubte Guachino, daß er kein Spanier sei. Auch der Priester nicht, der ihm mit seinem Steinmesser das Herz aus dem Leibe schnitt und sein Blut durch die Kinnen des Altars, die die Strahlen der Sonne darstellten, zur Erde Gottes hinabfließen ließ. Heinz Polißer: Die Prager Sippurim Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts haben die Prager Buchhändler Wolf Pascheies und, nach ihm, Leopold Brandeis den überlieferten Sagenstoff der böhmischen Judenschaft in einer beträchtlichen Bücherreihe aufgestapelt. Unentwirrbar sind hier Talmud- und Midraschmythen der böhmischen und deutschen Legende verbunden und, nach dem Vorbild der Volksdichtung überhaupt, zusammengesungen und zersungen. König Salomo etwa erscheint von einem ganzen Kranz Legenden umstrahlt, deren eine ihn als Tyrannen offenbart und so Max Brods Konzeption des Lieds der Lieder aufs zwingendste erhärtet, ein ganzes Bündel orientalischer Motive scheint vor der Prager Kulisse ausgebreitet, Tausend und eine Nacht hat sich am spröderen Moldauufer aufgetan, aus Cordova her winkt Maimon seine Wunder und Raschi aus Barcelona. Daneben tritt Libüsa und ihr Geschlecht, eine Reihe ortsgebundener, eigenständiger Legenden eröffnend, der Golem, aus der deutschen Nachbarschaft wieder schließen sich, gleichsam im Kaftan, Faust und der Mönch von Heisterbach an. Die Historie selber wirkt, Alexander und Napoleon bilden den Kern selbst jüdischer Geschichtsmythen. Dazu sind Gedenkblätter geheftet, Realienkunde unbekannter jüdi-