Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 116)
- Language
- German
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114 Dr. Hans LichtwitJ den Boden unter den Füßen wanken und sieht nicht nur den Tag, sondern auch die Zukunft grau und verschlossen. Da, spürst du, versiegt in den Häusern der Juden in dieser Stunde vielleicht der Quell, dem Lebensmut und Lebensfreude entströmten, stirbt die Seele, die sich in Liedern offenbart. Freilich, am Freitag-Abend singt jung und alt mit einer erschütternden Inbrunst »Lclio daudi«, erfüllen eindrucksvolle Nigunim das armselige, meist nur aus Brettern zusammengezimmerte Beth Hamidrasch. Schließe die Augen und lasse dieses Singen, das oft zu einem dumpfen Brausen ansteigt, um plötjlich in einer beklemmenden Stille zu versickern, auf dich wirken; es taucht vor deinen Augen das Bild jenes im Meer versinkenden Schiffes auf, dessen Passagiere die Zeitspanne bis zum völligen Untergange mit Liedern ausfüllen. Am Hofe eines der Munkacer Chedarim habe ich einen kleinen Jungen eine Melodie summen hören, die ganz anders klang: »Anu olim arza«, das Lied der Chaluzim. Vielleicht kennt er noch nicht den Text, vielleicht wagt er ihn noch nicht zu singen, aus Furcht vor der Bute des Melamed