Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
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!SL' Hugo Bergmann nismus der ist, ob er imstande sein wird, mit den geistigen Mitteln, die er zur Hand hat, die Volkwerdung, die Einheit des Volkes herbeizuführen. Was heißt dies: Einheit des Volkes? Wenn wir ein Feld oder eine Wiese betrachten, sehen wir tausenderlei buntverschiedene Arten von Pflanzen, aber sie haben alle einen Boden, dem sie entsprossen sind, und eine Sonne, der sie entgegenreifen. So ist ein Volk. Es hat die große gemeinsame Grundlage physischen und geistigen Erbgutes. Herzl freilich meinte, daß der gemeinsame Feind uns zu einem Volke mache. Ob dieses negative Moment für die Diaspora ausreicht, weiß ich nicht. Sicher aber würde es für Palästina nicht ausreichen, wo wir den Antisemitismus weniger spüren. Die gemeinsame Grundlage kann nicht etwas rein Negatives sein. Das jüdische Volk hatte bis vor wenigen Generationen eine solche gemeinsame Basis. B. Mosche Isseries korrespondierte im 16. Jahrhundert aus Krakau mit B. Joseph Karo in Safed, den er nie gesehen hat, über ganz aktuelle Fragen des jüdischen Lebens. Die geographische Entfernung, die doch damals viel größer war als heute, bedeutete gar nichts. Die Juden in Krakau und in Safed atmeten dieselbe geistige Luft. Mit dem 18. Jahrhundert brachen die zentrifugalen Kräfte in unser Dasein ein und wuchsen bis zur Wende des 20. Jahrhunderts in immer stärkerem Maße an. Die Frage -unserer Existenz heute ist, ob wir ihnen zentripetale Kräfte von genügender Stärke entgegensetzen können. Diese Frage wird für das ganze Judentum in Palästina entschieden werden. 2. Einheit des Volkes bedeutet nicht Einförmigkeit. Der Reichtum der Formen des jüdischen Lebens, die Einflüsse verschiedener Kulturen in verschiedenen Ländern und dadurch auch in Palästina, bedeuten fruchtbare Möglichkeiten. Mehr als jedes andere Volk sind wir aus Stämmen zusammengesetzt. Bialik betonte die Produktivität dieser Vielfältigkeit. Er forderte die sephardische Jugend Palästinas auf, ihre Eigenart und Überlieferung zu wahren. Eine falsche Einheitspolitik könnte fruchtbare Keime ersticken. Wir sehen es, wenn z. B. die jemenitische Jugend da oder dort die aschkenasische nachahmt, weil sie in ihr den Träger einer höheren Kultur sieht. Solche Nachahmung kann verheerend wirken. Wo wiederum sich die jemenitischen