Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 49)
- Language
- German
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Ein Jahr der Umwälzung 47 vergessen, daß dieser Prozeß einer geistigen Wiedergeburt eine Sache generationenlangen Suchens ist. Dennoch ist diese Ungeduld gesund, denn die große Masse macht sich heute — versunken in dem Kampf um eine Gewöhnung an das Land und seine Bedingungen und um eine Existenz — überhaupt keine Gedanken über das Kulturproblem. Zu dieser Masse gehört auch ein großer Teil der führenden Persönlichkeiten des Landes, der oft geneigt ist, sich mit der äußerlichen Festigung der hebräischen Sprachen zu begnügen, ohne sich bewußt zu werden, daß das Hebräisch sprechen nicht mehr ist als die erste Voraussetjung, als der Boden, auf dem die wahre hebräische Renaissance erst erwachsen kann. Wir stehen also heute in Palästina in einem großen Umwandlungsprozeß, der soziale und kulturelle Fragen neuer Art und bisher ungeahnten Umfanges schafft. Die rasche kapitalistische Entwicklung der Wirtschaft revolutioniert den bisher herrschenden einfachen und relativ einheitlichen Lebensstil, schafft den Beginn unterschiedlicher Klassen, die heute noch nicht streng geschieden sind, sondern sich berühren und häufig noch Mitglieder wechseln. Troß der guten Organisation der Arbeiterschaft und des hohen Lebensstandards eines Teiles der Arbeiter wird als Richtschnur für Geschmack und Lebensform die Auffassung der bürgerlichen Schichten ausschlaggebend. Auf kulturellem Gebiete steht Palästina in einem Kampf um die Prädominanz der hebräischen Sprache, während zugleich ein Suchen nach den Quellen der hebräischen Kultur beginnt, das zugleich das Suchen nach einer leitenden und formenden Idee des werdenden jüdischen Gemeinwesens enthält. In diesem Suchen werden die grundlegenden Begriffe der früheren Kolonisationsphasen — Rückkehr zum Land, zum Boden, zur Sprache — keineswegs als überholt betrachtet, jedoch scheinen sie einer Ergänzung und entsprechenden Interpretation zu bedürfen, um wirksam zu sein. Insbesondere gilt der Versuch einer neuen Klärung auch dem Begriff des Nationalismus, der in der heutigen Welt Assoziationen erhält, die mit der jüdischen Renaissancebewegung nichts zu tun haben oder nichts zu tun haben sollten. So ist vom sozialen und kulturellen Standpunkt die letjte Periode und besonders das letjte Jahr der jüdischen Palästinaarbeit eine Zeit der Umwälzung. Während die Arbeit einen Umfang annahm und Erfolge zeigte, die man