Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 33)
- Language
- German
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31 DAS JAHR 5695 Das verflossene Jähr ist durch eine entgegengesetjt verlaufene Entwicklung im jüdischen Leben charakterisiert: einem erfreulichen und weithin sichtbaren Aufschwung des jüdischen Palästina stand eine von drückenden Sorgen erfüllte und schwer um ihre Existenz ringende jüdische Gemeinschaft in den Ländern der Galuth gegenüber. Die Sonne schien uns hell und warm in Erez Israel, ihr Schatten jedoch war weit über die Länder der Verstreuung ausgebreitet. Der erste Blick auf das Galuthjudentum fällt nach Deutschland. Zu Beginn des Jahres schien es — dem oberflächlichen Beobachter natürlich nur — als ob sich liier die Verhältnisse konsolidiert hätten; als ob sich das Regime des Dritten Reichs mit den auf antijüdischem Gebiet erzielten Erfolgen — Abwanderung von nahezu 80.000 Juden, Verdrängung der Juden aus dem gesamten öffentlichen Leben, Numerus nullus an den Universitäten. Numerus clausus an den Mittelschulen, Ausscheidung aus wichtigen Positionen des Wirtschaftslebens, Evakuierung der kleinen Judengemeinden usw. —• zufriedengeben würde. An einer vorübergehenden Binnenkonjunktur hatten auch manche der in den Großstädten lebenden Juden Anteil, es schien also »alles auf dem besten Wege«. Die Sprecher der deutsch-jüdischen Assimilation, die noch immer die entscheidenden Positionen des deutschen Judentums, die Berliner jüdische Gemeinde und den preußischen jüdischen Landesverband, in ihren Händen haben, die Kreise um den »Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens« und den »Reichsbund jüdischer Frontsoldaten« fanden die Sprache wieder und prägten bereits neue Formeln, wie »Erringung der zweiten Emanzipation«. Sie dachten auch diesmal, daß man einer neuen Situation mit bloßen neuen Worten gerecht werden könnte. Nach der Saar-Abstimmung, die noch einige tausend europäische Juden der Hitler-Diktatur einverleibt und so lim ihre Freiheit gebracht hatte, begann die antisemitische Welle in Deutschland wieder anzuschivellen. Julius Streicher verlegte sein Tätigkeitsfeld von Nürnberg nach Ber- Jahresrückschau