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Jüdischer Almanach · 1938-01-01 · 5698 (1937-1938) · p. Seite 167

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5698 (1937-1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 167 (sequence 185)
Language
German
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AUF DER SUCHE NACH DER KINDHEIT 167 eine Strähne blonden Frauenhaares, einen Ring und Briefe, die er dem Wunsche des Toten gemäß ungelesen verbrannte. Den Walzer aber ließ er drucken. Wenn man das Lied hört, kann man sich des Staunens nicht erwehren, daß Offenbach so viel Aufhebens um eine recht primitive und anspruchslose Melodie machte. Es ist dies ein interessantes Beispiel dafür, wie entscheidend manchmal ein Kindheitseindruck den erwachsenen Menschen beeinflussen kann, auch wenn der Anlaß hiezu dem Außenstehenden geringfügig zu sein scheint. Sollen wir annehmen, Offenbach, der sonst so scharfe und geübte Kritiker, habe hier plötzlich kritiklos eine so phantasielose Melodie bewundert? Oder ist es nicht wahrscheinlicher, daß hier eine »Deckerinnerung« vorliegt, das heißt eine jener Kindheitserinnerungen, die aus einer langen Kette von Eindrücken und Erinnerungen ein vielleicht geringfügiges Glied herausgreifen und dieses, pars pro toto, zum symbolischen Vertreter des ganzen Zusammenhanges machen? Seine eigentliche, liebevolle Suche galt der ganzen musikalischen Atmosphäre seines Elternhauses. In dieser Atmosphäre waren jüdische Lieder und Gesänge, neben anderen, weltlicheren, ein wichtiger Faktor. Sein Vater Isaak Offenbach war einer von den »Lezim«, den jüdischen Sängern und fahrenden Musikanten, die spielend von Ort zu Ort, von Synagoge zu Synagoge zogen, eng verbunden mit dem jüdischen Glauben und der alten jüdischen Musik. In vielen Werken Offenbachs findet man noch den Einfluß jener alten, hebräischen Lieder, die dem Knaben die ersten musikalischen Eindrücke vermittelten. Allerdings spricht er fast nie darüber, wie er ja überhaupt, außer der Geschichte vom verlorenen Walzer, kaum ein Bekenntnis zu einer Sentimentalität, ja zu irgendetwas Gefühlsmäßigem abgelegt hat. Nie wäre Offenbach fähig gewesen, seine Gefühle etwa in der Weise zu entblößen wie es Heinrich Heine getan hatte. Nie hat Offenbach die geringste mißachtende oder abfällige Bemerkung über das Judentum gemacht, wie etwa Heine mit seinen Worten »Lassen Sie mich in Ruh' mit der jüdischen Religion! Das ist doch keine Religion, das ist ein Unglück!« Die sonst schrankenlose Spottlust Offenbachs macht unbedingt Halt vor allem Jüdischen. Niemals duldet er, daß in einem seiner Libretti ein Jude lächerlich dargestellt würde. Die Erinnerung an die Heiligtümer seiner Jugend bleibt ihm heilig. Erzähh von MaTietla Karpe_

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