Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1938-01-01 · 5698 (1937-1938) · p. Seite 134

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5698 (1937-1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 134 (sequence 146)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4919024-4919599--1141-4919745
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

134 Dr. Richard Karpe: Sigmund Freud entdeckt das Kind »Die Universität, die ich 1873 bezog, brachte mir zunächst einige fühlbare Enttäuschungen. Vor allem traf mich die Zumutung, daß ich mich ah minderwertig und nicht volkszugehörig fühlen sollte, weil ich Jude war. Das erstere lehnte ich mit Entschiedenheit ab. Ich habe nie begriffen, warum ich mich meiner Abkunft, oder wie man zu sagen begann: Rasse, schämen sollte. Auf die mir verweigerte Volksgemein* schaft verzichtete ich ohne viel Bedauern. Ich meinte, daß sich für einen eifrigen Mitarbeiter ein Plätzchen innerhalb des Rahmens des Menschentums auch ohne solche Einreihung finden müsse. Aber eine für später wichtige Folge dieser ersten Eindrücke von der Universität war, daß ich so frühzeitig mit dem Lose vertraut wurde, in der Opposition zu stehen und von der »kompakten Majorität« in Bann getan zu werden. Eine gewisse Unabhängigkeit des Urteils wurde so vorbereitet.« (Freud: SelbstdarStellung.) »Eine gewisse Unabhängigkeit des Urteil«« nennt Freud bescheiden seine Fähigkeit, die ihn zu den umstürzenden Erkenntnissen über die Entwicklung der Seele und damit zur Kenntnis der kindlichen .Seele führte. Einen langen Weg mußte auch Freud zurücklegen, bevor er erkannte, welche Bedeutung die Kindheit für die Charakterentwiekiung und seelische Gesundheit des Erwachsenen besitze. Als er im Jahre 1891 als 35jähriger Dozent für Nervenkrankheiten eine umfassende Arbeit über die Gehirnlähmungen der Kinder schrieb, hatte er noch keine Ahnung davon, zu welchen Entdeckungen über die seelische Entwicklung des Kindes er einst gelangen werde. Vier Jahre später erschien jene berühmte Arbeit »Studium über Hysterie«, die er zusammen mit Breuer verfaßte. Sie war der Beginn seiner psychologischen Forschung. Als er es erlernt hatte, dem Unverständlichen einen Sinn abzugewinnen und die Sprache des Unbewußten zu verstehen, da eröffnete sich ein Neuland vor ihm, und er gewann die Fähigkeit, die Kindheit seiner Patienten zu erforschen. In der »Traumdeutung«, die im Jahre 1900 erschien, wies Freud nach, daß der Traum eine Wunscherfüllung darstelle. Dabei zeigte er, daß es nicht nur heutige Wünsche seien, die den Traum auslösen, sondern daß auch unbefriedigt gebliebene Wünsche der Kindheit hier ihre verspätete, halluzinatorische Erfüllung fänden. Jede Traumdeutung führt uns zu meist vergessenen Kindererlebnissen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.