Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 138)
- Language
- German
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128 HANS MARTIN Ordnungen zum Fest, die ganze Klasse kommt dort und dort zusammen. Mein Kind meldet sich: »Soll ich auch kommen, Herr Lehrer, ich hin nämlich Jüdin«. In der Klasse hricht ein johlendes Gelächter aus, in das auch der Lehrer miteinstimmt. Mehr ist nicht passiert. Aher es kann für ein ganzes Lehen ausreichen.« Alle edlen und guten Gefühle lassen sich im Menschen jedoch nicht gar so leicht erschlagen. Bald erwacht in manchen nicht-jüdischen Lehrern und Schülern eine begreifliche Reaktion. Man schämt sich der unmenschlichen Behandlung, es mehren sich die Fälle, in denen ihnen in der nationalsozialistischen Presse Vorhaltungen wegen einer anständigen Haltung zu jüdischen Kindern gemacht werden. Der nationalsozialistische Gau-Obmann Göpfert erhebt gegen sie bei einer »Fahnenweihe der Fachschaft-Volksschule, berufbildende Schulen und höhere Schule des nationalsozialistischen Lehrerbundes« drohend die Finger: (seine Rede ist der »Sächsischen Schulzeitung« entnommen): »Wie oft hörten wir aus Kollegenkreisen: »der Jude ist auch ein Mensch. Schämt euch, daß ihr Judengegner seid!« Es giht keinen großen unserer Geistesgeschichte, der sich nicht vom Judentum abgewandt hätte. Der Jude ist eben das zerstörende Prinzip, der Schieber, der Händler, der gewissenlose und skrupellose Dämon der Menschheit. So haben ihn die größten Söhne unseres Volkes genannt. Unser Lehrer aber träumte von Menschhcitsverbrüderung, von Eingliederung dieses Schädlings ins Volksganze. Es sprangen die Führer der Organisation auf und verteidigten den zersetzenden artsfremden Geist. Illusion, Träumerei, Phatasmen, woher stammen sie? Es gibt nur eine Antwort: Das ist ein schlimmes Erbe der idealistischen und humanistischen Philosophie.« Es war scheinbar nicht gar so leicht, dieses »schlimme Erbe« so schnell zu vernichten. Die Tücke des Objektes oder der natürlichen, unbewußten Anständigkeit arbeitet manchmal gegen den neuen Zeitgeist. In der Zeitung »Der Weltkampf«, die von Alfred Rosenberg, dem Reichsschulungsleiter der NSDAP, begründet wurde, zeichnet Dr. Walther Scharrer in einem Artikel »Judengegnerschaft und höhere Schulen« die Schwierigkeiten auf, die aus den für die nationalsozialistische Propaganda oft unerreichbaren Tiefen menschlicher Gesittung aufsteigen, wenn es gilt, in die Seelen der heranwachsenden deutschen Generation antisemitisches Gift zu träufeln: »Der Junglehrer zieht mit Feuereifer frisch vom Leder und nennt die Dinge beim richtigen Namen. Zitiert den Talmud, erörtert die Geschichte der Erzväter, streicht bei allen sich bietenden Gelegenheiten die Verbrecherrolle des Juden in der