Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 127 (sequence 137)
- Language
- German
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DAS JÜDISCHE KIND IM DRITTEN REICH 127 Seelen jüdischer Schulkinder aussieht, die von 8—12 und 2—4 durchs antisemitische Fegefeuer ziehen? Ihre nichtjüdischen Mitschüler gehören durchwegs der nationalsozialistischen Hitlerjugend an. Diese umfaßt so ziemlich die gesamte junge deutsche Generation, die erst nach etlichen Jahren im politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben zur Geltung kommen wird. Dafür tobt sich momentan ihre Begeisterung und Gesinnung in der Schule aus. Man kann sich leicht vorstellen, in welcher Form dies geschieht und wer darunter zu leiden hat. Seit der Machtergreifung durch Hitler unterrichten an den deutschen Schulen fast ausschließlich nationalsozialistische Lehrer. Wer sich auch nur vage an seine Schulzeit erinnert, wird sich unschwer vorstellen können, welch tausenderlei Demütigungen, Erniedrigungen und Quälereien jüdische Schulkinder in einem solchen Milieu ausgesetzt sind. Die Form des Machtantrittes der Nationalsozialisten, die sich mit Verve in die Aufgabe stürzten, nicht nur das bisherige Regierungssystem, sondern auch eine ganze Welt sittlicher Begriffe zu zerstören, brachte es mit sich, daß sich damals viele der Anhänger oder Mitläufer des neuen Systems »Fleißaufgaben« stellten, jeder von ihnen in seinem Lebensbezirk ein »neues Reich« zu errichten versuchte. Wie arg muß es da in vielen deutschen Schulen zugegangen sein, wenn sich die »Frankfurter Zeitung« veranlaßt sah, in einem Leitartikel am 2. April 1933 die bitteren Fragen aufzuwerfen: »Wer wollte denn etwa behaupten, daß die jüdischen Kinder, die man in manchen Orten weggeschickt hat, sich je in ihrem kurzen Leben gegen die Nation vergangen hätten? Wenn man schon den Erwachsenen, vor allem den Zehntausenden im öffentlichen Leben erprobten und seit Jahrzehnten bewährten Männern und Frauen keine Gerechtigkeit widerfahren lassen und wenn man hei ihnen nicht die Spreu vom Hafer scheiden will — warum schützt man nicht einmal das zarte Rückrat harmloser Kinder?« In jenen ersten Monaten der Übergriffe haben jüdische Kinder an vielen Schulen in Deutschland die brennendsten Quälereien zu erdulden gehabt. Im Sommer 1933 erzählte mir die Mutter eines achtjährigen Mädchens: »Mein Kind will nicht mehr zur Schule gehen. Es schläft schon fast nicht mehr des Nachts, am frühen Morgen wird es unruhig, beginnt zu zittern und zu weinen. Vor einiger Zeit wurde an den Schulen Schlagetter gefeiert. In der Ankündigung, die in allen Klassen verlesen wurde, hieß es: »Negern und Juden ist die Teilnahme untersagt«. Der Lehrer gibt An-