Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 68)
- Language
- German
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64 GEORG LANGER Vaters gekrönt und den Juwelen der Mutter behangen — des süßen Honig-»Lekech« nicht zu vergessen, mit dem man dabei den kleinen »Rabbi« bewirtet! — und also geschmückt auf den Tisch gestellt, um seine »Predigt« zu halten*). Von nun ab, genießt er jahrein-jahraus den ganztägigen Unterricht im Cheder — sechs segensreiche Unterrichtstage pro Woche, unter der wohlweisen Obhut des hochverehrten Herrn Melameds! — und all die daran geknüpften Freuden... Ferien gibt es bloß in Krankheitszeiten. Dafür aber wird er an jedem Schabbath-Nachmittag vom Vater selbst aus dem gesamten Wochen-Pensum »verhört« und mit dem süßen Schabbath-Obst belohnt. Vorausgehest freilich, daß die Prüfung günstig verlief... Mädchen haben einen eigenen, weniger strengen Cheder. Abwechslungsreich und geistvoll ist aber die altbewährte Cheder-Disziplin hier, wie dort — Ablecken der mit Honig beschmierten Holzbuchstaben als Lohn für glücklich gelöste Preisaufgaben!... — aber das würde uns schon zu weit führen, denn wir müßten hier all der vortrefflichen talmudischen Unterrichtsmethoden gedenken, wie sie beispielsweise Maimonides kodifiziert hat, und all der unzähligen »Takkanoth«, der Bestimmungen, die den Unterricht und das Schulwesen betreffen und von verschiedenen talmudischen Autoritäten im Mittelalter und in der Neuzeit angeordnet wurden. Um nur zwei Namen — gleichsam aus Lokalpatriotismus zu nennen: Der Prager Hohe Rabbi Low, der den Talmudjüngern den »Pilpul schel hewel« verbietet, die endlosen und zwecklosen Disputationen, die wohl ihrer persönlichen Eitelkeit dienen, nicht aber angetan sind, die Aneignung realer Kenntnisse zu fördern; er wendet sich auch sehr scharf gegen unnütje Überbürdung des Kindes mit einem komplizierten Lehrstoff, dem es noch gar nicht gewachsen ist, und erblickt darin, daß man kleine Kinder, ohne jahrelange Vorbereitung, gleich zum Lernen des Talmuds mit all seinen Kommentaren zwingt, das Unglück seines Zeitalters! Besser wäre es, sagt er ausdrücklich, die Kinder ein Handwerk erlernen zu lassen. Ferner wäre der nicht weniger berühmte Prager Rabbiner Jeschaja ben Abraham Horowitz (»Scheloh«) zu erwähnen, ein Zeitgenosse Komenskys, der jedoch von diesem völlig unabhängig, findet, daß lediglich die Mut- ') Siehe in meinem soeben ersehienenen Buche »Devet bran, chasi'du tajemstvi«, Prag, »ELK«-Verlag.