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Jüdischer Almanach · 1931-01-01 · 5691 (1930-1931) · p. Seite 224

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5691 (1930-1931)
Date
1931-01-01
Page
Seite 224 (sequence 226)
Language
German
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224 lern, der Stadt unserer Pracht, da kann meine Seele keine Ruhe finden. Da erhebe ich mich plötzlich von meinem Lager, schirre mein leichtgeflügeltes Gefährt und ziehe hinaus in die Steppen von Jericho, um dort das „Mitternachtsrituale" zu verrichten. Ich lasse meinem blauen Adler die Zügel und flitze dahin über die weissen, öden Felder, klage laut die Trauer meines Herzens, die tiefer ist als das Meer, und geselle mein Heulen dem Geheul der hungrigen Schakale, die nach Beute schreien ... Ach Edna, Edna, meine junge Schwester! Du fragtest mich einst nach dem roten Feuermal auf meiner Wange: was bedeute dieses Zeichen auf meinem Gesicht, ob ein Kainsmal oder ein Zeichen von Heldentum? ... Ich sagte dir: Vielleicht kommt der Tag, da werde ich dir die Pein meines Herzens erzählen. Nun gehst du von dannen, und der Tag ist nicht gekommen, und meine Herzenspein wird nicht kund werden, Edna, für immer, für immer!... Plötzlich kehrte er sein Haupt zu mir und fragte jiddisch: — Mister, wieviel Millionen Dollars haben die amerikanischen Juden für die Pogromopfer der Ukraine gespendet? Auf diese sonderbare Frage, die gleichsam ein ironischer Abschluss der stürmischen Gemütsbewegung des wunderlichen Chauffeurs war, gab ich keine Antwort. Ich sass schweigend und sinnend, erschüttert von dem Schwall seiner Rede, die mein Ohr vernahm, während der Wagen über die öden Kreidefelder dahinglitt, wie das wunderliche Bekenntnis eines wunderlichen Menschen, wie der Erguss einer sonderbaren, zutiefst aufgewühlten Seele. Ich sann diesem verborgenen Rätsel nach, dessen Zeuge ich unversehens geworden war, und konnte dafür keine Lösung finden: Wer war dieser Jüngling? Woher hatte er diese Zungenfertigkeit, diese scharfe und zugleich formvollendete Sprache? Und wer war dieses Mädchen aus der Fremde, das träumerisch in der Ecke des Wagens sass, aufmerksam seinen Worten lauschte und keinen Laut von sich gab, nur dass das zarte Profil ihres sonn-

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