Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 146)
- Language
- German
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144 Die franco-germanischen Rabbiner sprechen zuerst davon, ein Beweis, dass der Ehering in dieser Welt aufkam; am ehesten mag man an die Franzosen denken, die im Punkte der Galanterie immer vorangingen. Zwar kommt ein Verlobungsring — nicht ein Trauring! — auch bei den Römern vor, aber das war ein einfacher eiserner Reifen: und welches Frauenzimmer würde sich heute damit begnügen? Es musste also erst die christliche Weltanschauung kommen mit der höheren Wertschätzung der Frau, um da Wandel zu schaffen. Als die Rabbiner auf einmal vor einer Sitte standen, die im talmudischen Rechte nicht begründet ist, wussten sie keinen Rat. Sie rieten hin und her, Daten und Entwicklung kannten sie nicht, und einzugestehen, dass es fremder, ja christlicher Brauch sei — dazu hatten sie den Mut nicht. Sie liessen den Brauch bestehen, weil er schliesslich gegen das jüdische Religionsgesetz nicht verstösst, konnte doch der Ehering, wie gesagt, als Ersatz gelten für den vorgeschriebenen Wertgegenstand; aber warum gerade ein Ring und warum ein goldener und just ohne Edelstein — dafür hatte man keine Erklärung. —«»— Romantischer Antisemitismus. Von JOSEF KÖRNER. Was das Wesen der deutschen Romantik so überaus dunkel macht, was die Erkenntnis so ungeheuer erschwert, das ist ihr antinomischer Charakter. Gipfel und Ende der grossen, im Zeitalter der Renaissance und Reformation anhebenden individualistischen Epoche und eben darum zugleich Anbruch einer gegensätzlichen, neuen Bindungen religiöser, gesellschaftlicher, völkischer Art zustrebenden Seinsgestaltung, zeigt sie allenthalben ein rätselhaftes Doppelgesicht wandelt vor den Augen des geschichtlichen Betrachters proteusartig von Nu zu Nu ihre Gestalt.