Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
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71 zu verstehen, dass heute alle Juden zum Palästinaaufbau oder gar zum politischen Zionismus »Ja« sagen, sondern nur so, dass wieder alle Juden der Welt wissen, worüber sie zu streiten haben, was zentral in Frage steht. Das wussten die Juden zur Zeit der Karäer und zu der des Maimonides, im Streit um die Smicha Rabbi Joseph Caros und in dem über die Messianität Sabbatai Zwis. Das Jahrhundert der Emanzipation zerbrach die jüdische öffentliche Meinung und damit das jüdische Volk in zwei Hälften: im Westen stand die Frage der bürgerlichen Gleichberechtigung, im Osten die so ganz anders geartete des Chassidismus im Mittelpunkt, und eine wusste nichts von der anderen. Dies ist das tiefste Symptom und eine der wirksamsten Ursachen für die Zerspaltung unseres Volkes in West- und Ostjudentum, unter der wir noch heute so tief leiden, die aber gerade durch den Zionismus und seine neue einheitliche Fragestellung überwunden zu werden sich anschickt. Freilich: auch hier ist eine Gefahr. Tritt die Palästinafrage an die Stelle der Judentumsfrage, wird sie ein Surrogat für das Streben nach zwischenmenschlicher Gerechtigkeit aus göttlicher Wurzel, dann kann sich all ihr Heil in Unheil verkehren. Sieht man aber im Palästina-Aufbau die grosse historische Gelegenheit, in der sich jüdischer Idealismus, jüdischer Wille zur Gerechtigkeit und zur Selbsteinschränkung, jüdische absolute Ethik im Gegensatz zur Staatsraison nicht nur in den billigen Phrasen lebensferner Predigten und auch nicht nur in den tragischen Lebensläufen vereinzelter und einsamer Revolutionäre, sondern in der kollektiven Wirklichkeit eines mikrokosmischen Volksdaseins verkörpert — dann, aber freilich nur dann, hat der Zionismus noch eine gewaltige Chance vor der jüdischen Geschichte. Die Lösung des Araberproblems wird erweisen, ob er sie ergriffen oder verspielt hat. —«»—