Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5686 (1925-1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 232 (sequence 234)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 100% known words query
- IRI
…/4919024-4919026--0237-4919261- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
herausgegeben, in dem viele Gedichte, literarische Skizzen, Aufsätze aller Art stehen, auf die ich jetzt im Einzelnen nicht eingehen will; und er hat dieses scheinbar unzeitgemäße Unternehmen in seiner Einleitung kurz zu rechtfertigen gesucht. Nur auf diese Einleitung will ich hinweisen. Gordon spricht fest und offen aus: Wir haben keinen aktiven Anteil an diesem Kriege. Diese schwere Stunde kann für uns nur eine Stunde der Selbstbesinnung sein, der Vorbereitung des Bodens für unsere nationale Auferstehung und für unser nationales Werk. Die großen Leiden des Krieges lehren uns zweierlei: sie zeigen uns unser eigenes Bild, unsere Zersplitterung, Vereinsamung Verwaistheit, aber sie lehren uns auch das Leben neu erkennen, alle Kraft und Größe, die im Leben steckt und ihre Gestalt sucht. Wie groß könnte das Leben sein, wenn die Menschen es zu leben verstünden. Wenn wir aufmerksame Beobachter sein wollen, können wir viel lernen, was für uns, die neues Leben anstreben, von Bedeutung ist. Aber: unsere Kraft liegt nur im Geiste. Ma{J man uns alles absprechen, dies ist unsere Kraft, und sie ist größer als die Macht der Kanonen. Ihre höchsten Elemente hat die menschliche Kultur von unserem Geist genommen. Und nun, sagt Gordon, laßt uns wenigstens die ganze Tiefe unserer Leiden, unseres Schmerzes, unserer Vernichtung und unserer Einsamkeit erleben, die Kraft des Schmerzes, die Schöpferkraft laßt uns lebendig machen. Denn noch gibt es unter uns jene zwei Gruppen» deren eine nach all dem, was über uns hereingebrochen ist, sich nicht einen Augenblick von den Kleinlichkeiten des Alltags loslösen und zu einer höheren Betrachtung der Lage erheben kann, während die andere keinen andern Ausweg als die Selbstvernichtung kennt. So sehr sind wir noch unfähig zu einem eigenen unmittelbaren Leben, zu einem Leben unserer Wahrheit. Und daher gibt es fW 214