Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5686 (1925-1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 158)
- Language
- German
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Sie sah sich, wie sie sich in Sonnendunst über den Acker beugte beim Ährenlesen. Sie spürte wieder den warmen Duft des reifen Korns, das sie in einem hohen, schwankenden Bündel auf dem Kopf heimtrug» wovon man nichts verlieren durfte, auch wenn man ''u laufen begann. Sie sah sich, wie sie heiß, atemlos, dem großen Hof des Gehöftes anlangte, ganz zerrauf von den Ähren, wie sie die Getreidelast mit einem große11 Schwung in die Scheuer warf, noch einmal mit den Gc spielen im Kreise wild' herumtanzte und dann ins Haus Irat, das Zeichen Gottes am Türpfosten fromm küß*e und drin wieder lachte und übermütig war. Uberall waren Zeichen Gottes aufgerichtet, wie das an der Tür. Arbeit und Fest, Woche und Jahr war nach Ihm geregelt. Man lebte sorglos und sicher dahin nach Gottes Geboten, als ob man zwischen hohen, geflochtenen Zäunen ginge, die einen schützten und einem den We3 wiesen. Jenseits der Zäune war das, was man nicht l"11 dürfe, das Verbotene. So sonderbar hieß es manchmö' in dem Gesetz: „Du sollst nicht morden, du sollst nich' ehebrechen". Warum stand das überhaupt darin? Es wflf doch unmöglich, daß man so etwas tat. Das ganze Leben war von Gott geordnet. Man betete andächtig zu Ihr0 beim Hinschlafen und beim Aufwachen. Man nannte imnief Seinen Namen und dachte sich nicht viel dabei. Er *af weit wie die ferne Himmelskugel. Doch der Mensch neben ihr, der dachte wohl ati Gott Tag und Nacht. War deshalb sein Gesicht so Qe' heimntsvoll geworden, wie die Felsen, die vom Blitz tet' , rissen waren? Scheu sah sie zu ihm hin. Aber jetzt leuchtete sei'' Gesicht golden wie die Sonne. Und seine Stimme kla"^ auf einmal jung. 144