Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5686 (1925-1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 74)
- Language
- German
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einer Renaissance sein kann, die sich nach außen gewiß nicht immer als positiver Fortschritt dokumentiert. Aber eines, das der Traum unseres Golusdaseins und vielen die stärkste Triebfeder ihrer Auswanderung nach Palästina war, sehen wir schon heute ertüllt: unsere Kinder sind glücklicher, als wir in unserer Goluskindheit es waren. Wie unförmig ihr Leben auch noch sein mag — das was am meisten dazu tat, unsere Kindheit draußen schwer und problematisch zu machen, was uns bis in die Wurzeln unseres Seins ersdiütterte und unsicher machte, das fällt hier fort: die Abhängigkeit des jüdischen Kindes von einer nichtjüdischen Umwelt. Selbstverständlich reicht diese Unabhängigkeit nicht bis in die Tiefen unserer geistigen Existenz hinab; noch ist ein erheblicher Teil unseres Besitzstandes von fremden Kulturen erborgt. Das aber kommt unseren Kindern, die alle geistigen Besitztümer in einer durch Sprache und; Form ihnen angepaßten Weise vermittelt erhalten, nicht zum Bewußtsein und kann sie in ihrer inneren Sicherheit nicht stören. Ihr Leben erscheint ihnen als eine ihnen eigene, rein jüdische Welt, und alles, was nicht jüdisch ist, ist „das Fremde", das ihnen kein Schätzen und Wägen auferlegt. In unserer Goluskindheit stand dieses Fremde nicht außerhalb unserer selbst, sondern es rückte uns so nahe auf den Leib, daß es in die Poren unseres Körpers undl Geistes eindrang und ein Teil unseres Ich wurde. Das Erfühlen, Erfassen und Bewerten dieses Fremden in uns! und den Anderen beherrschte unser kindliches Erleben. Bei den Meisten begann es in dem Augenblick, da sie in die Schule eintraten und von einem Schulkameraden das Wort „Jude" als Schimpfwort oder doch als trennendes Merkmal hörten. Da hob das Grübeln an, worin denn der Unterschied zwischen uns und den Anderen bestände. 68