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Jüdisches Gemeindeblatt · 1932-01-01 · 1 (1.1.1932) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt
Volume
4 (1932)
Issue
1 (1.1.1932)
Date
1932-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHES GEMEINDEBIATT MITTEILUNGSBLATT DER ISRAELITISCHEN GEMEINDE AMTLICHES ORGAN DER GEMEINDEVERWALTUNG Das Jüdische Gemeindeblatt wird den Mitgliedern der liraelltitchen Gemeinde Bremen unentgeltlich zugestellt Nadtdrad nur mit OutHtrungib« und mit Genehmigung des Virfantrs gastattit Verlagtorf Mattel BREMEN Verantwortlich für den lokalen I M M i'*r»l h Nr. 1 Bremen, den 1. Januar 1932 4. Jahrgang das Judentum und Palästina. Unser Weg in der Zeit der Wcltwcndc Bo» T s c a r W a > jer m » » n. 'Mi dieser schweren Zeit, in der wir leben, isi auch für uns Inden eine Weltcnivende gekommen. Bor mehr als UM» Inh reu nach der französischen Revolution lTS'.l, hal eine Epoche snr die Inden begonnen, die Heine wohl;» Ende gegangen rst. Wir Juden sind aus dem Ghetto hcrausgekommcn, voller Hoff, mtnfl, voller Glauben, nunmehr ans allen Röten und von allem Truck befreit zu sein. Es war ein I r r t u m, iveil wir alle Hilfe, alle Fortschritte, alle En.Wicklung nur von anderen erwarteten, die wir nur von uns selber erwarten Surften. Was Heine vor sich geht, ist eine Folge dieses Irrtums. Wir wollte» inner Bewahrung unserer Eigenart, unter Bewahrung nnserer Treue zum Iudeinnin cindringen und uns ansbreilen im ganzen Leb'ns gebiet der Böller, mit denen wir lebe». Es war nicht möglich. Wir irwrcn Jahrhunderte im Ghetto, auf einzelne Bcruse angc wiesen, in sie hineingezwängt »ird haben, frei geworden, nicht ver »i»l1)l, eine andere Bernfsschichtung z» erziele», weil die Enian zipatio» nur ein äußerlicher Akt war, weil der Jude verachtet war und blieb. „Toleranz" war für uns eine lobende Bezcichnung dessen, was uns cntgegcngcbrachl wurde'. Tnldung! Wir waren >rvh und znfriedc», wenn wir geduldet wurden, nnd wir haben uns ge sagt, die Zeit arbeite schon für uns. Tic Zeit wird die anderen anfklären, sie wird die anderen in der Mnltur, in ihrer Ethik ver bessern, und dann lvird man sagen, daß wir vollkommen gleich berechtigte Menschen sind. Wir haG'» immer de» Ivrtschritl zum Bessere» von anderen erwartet und wir haben selbst nichts dazu getan. Wir können Heine nicht wie srnher, wie vor Jahrhunderten, Iudenheil und Judentum gleichsetzcn. Es sind heute ganz »er schicdcne Tinge geworden. Und wir müssen zngeben, das; für einen großen Teil von nns das Leben seiner j ü d i j ch c n I »halte v o l l k o m m e n entkleidet w o r d e n ist. Wie ist hier ein Ausweg zu sind.'»'? Tie Teile der Indcnheit, die ans ihr Inden tum verzichtet haben, sie siele» allmählich von uns ab. Täs deutsche Juden,um wurde von C|tc» her immer wieder regene ricrt: auch das hat seht aufgehört. Run handelt es sich darum, etwas Erhaltendes zu jinden, neue Ideale, neue iR'danke» für das Judentum. Es fehlt nns jede zentrale Antorilat, jeder Zusammen halt, der es ermöglichen könnte, eine Regeneration der jüdischen Inhalte in unserem Leben zu schassen. Eine Abhilfe gegen tie Zerspli.terung, um eine Besserung der Berhälrnisje zu unserer Umwelt a l l'g e in e i » g ü l i i g für die Inden anznbahnen. Es gibt nur e i n e Möglichkeit für die Juden der W e l t, sich zn einer Einheit zusamNieuzuschliegen, und das ist Palästina. Tiefe Einheit kann ans keinem andere» Weg zustande kommen, als durch den Palästinagedanken, de» Gedanken eines Aüfbaus durch ans, nicht im Tinne des passiven Messianismus, der das Heil ruhig wartet, sondern im Linne selbsiiaiiger Arbeit, im Tinne Ein heitswerkes aller Juden. Tag Vieler Gedi>>'e der richtf?' ist da.- ist bewiesen. Ter Palästinagedanke innerhalb des Zionismus hat es vermocht, viele dem Judentum Entfremdete und Berlorengewesenc wieder kür das Judentum nnd jüdische Gedanken zu begeistern. Auch dhs Zweite ist bewiesen: Wir sind in der Lage, ein Land als Juden zu kolonisieren. In wenigcn Jahren ist in Palästina eine Landwirtsch ist entstanden, die zwar noch verbesserungsfähig ist, die aber zeigt, daß der Jude, der in'der Icschilvah saß, der Jude', der in Lodz mit Mleidern gehandelt hal. ein Ba >ei werden kanu, daß er durch seinen Elan, durch seine» Enthusiasmus cs fertiggcbracht hat, in dem ihm vollkommen ungewohnten Beruf etwas Gutes zu leisten.' Wir haben in Palästina in wenigen Jahren eine Ltadt errichtet, die heute <16 01)0 Einwohner hat. Tel-Awiw, eine Ztadt, in der nur Juden wohnen, «ine Stabt, in der vom Bürgermeister, vom Richter bis zum Tlraßcukchrer, Polizisten nnd Nachtwächter, nur Juden sind. -Tiefe Ttadl ist so gut verwaltet ivic irgendeine Stabt bei uns, so gut und auch >o lchlecht. Tie hat auch Tchnlden gemacht: aber es waren nicht zu viele Tchnlden, und sic sir d inzwischen bezahlt worden. Tiesc Tladt habe ich vor vier Jahren gesehen. Ta war Vor: eine Mn»:-, wie sie jetzt bei uns ist. Es waren die Läden, es waren die Fabriken stillgestanden und es herrschte große Arbeitslosigkeit. Ich habe mir damals gesagt: Hierher dies.' Tladl zu setzen, ohne Hinterland, ohne Hasen, ohne Misste, nur gcilützt ans die Trangcnpslanzniigen, die in der Nähe sind — wie kann man da helse»? Und es i ft der Stabt gchols-n worden: »ich iveil die Regierung ihr geholfen bat, oder von außen Hilsc kam, sondern weil damals :t*ux> Inden Tag ’.uto Nacht sich gesagt hauen, wie kommen wir an» der Misere heraus? Und sic sind heranszekommen. Tie Tladt ist Heine ohne Arbeitslosigkeit und cs ist in der ganzen Stadl keine Industrie zilsammcugebrvchcn, und wir wolle» hossen, das; sie weiter nicht inchr unter der Mrise zu leide'» hal, als es gegenwärtig der Fall ist. Wer sich für Palästina interessiert, wer wirklich Anteil an dem nimmt, was dort geschieht, im »leiste mitarbritet und die Arbeit dort unterstützt, empfängt mehr von Palästina, als er gibt und geben kann. Er sieht dort ein werdendes Land, ein Lan» mit jiidiicher Bcsieolnng, ein Lanb, in dem Juden leben und arbeiten können, nicht wie bei uns, o b w o h l sic Jude» sind, weil man tolerant, noch tolerant ist. sondern weil sic Juden sind und alü solche ihrer Arbeit nachgchen. Es ist etwas in der Blelt selten Gewordenes, das aber in Palästina besteht nnd bestehen lnird. Tie Arabcrfrage, die sehr ernst ist, konnte bisher nicht gelöst werden. Nicht weil das Gefühl der Araber so sehr gegen uns arbeitet, sonder» weil wir auch da das Heil v o » a u ß e n erwarten, von der englischen Regie»ung, vom Bölkerbund, nicht nur von uns selbst. Weil wir » i ch t s c l b st a k i i p g c n u g s i n d. Ter Araber verachtet den Inden nicht, sondern er fürchtet ihn, er glaubt, daß der Jude ihn ans dem Lande hcransjagt. Ta wir dies nicht >v ollen und a n ch n ich t k ö n n e-n und dies auch ans sittlichen Gründen nicht solle», so kann cs nicht schwer sein, wenn man es ehrlich will, eine» Weg. der Bcrständignng zu finden. Ter Fanatismus schivindel rasch. Versuche, einen Boykott zum Enlslrhen z» bringen, sind schlgcschlagen. Es zeigt sich, daß die Feindseligkeiten immer »nr periodische sind. Man fürchtet in Perliti nnd London die Ucbersällc der..Araber viel mehl, als man iie in Palästina fürchtet. Wir dürfe» uns nicht einbilden, daß die Besiedlung in Palästina leicht ist. Tas Land ist schivierig nnd es bedarf eines g r o ß c » E n t h u s i a s in n s n n d g r o ß er Opferwillig, keit. um cs so z» besiedeln, daß ivir damit uns selbst nnd der Welt zeigcm, was Jude» nicht als Händler nnd Bermittler —, sondern in der Urproduktion und iii> Ainb.xn in allen 'Zweigen eines natürlich geschichteten Lebens leisten können. Wir können in Palästina ein geschichtliches Werk verrichten. Wir können hier dem Judentum eine neue Zukunft schassen, und das ist es, weshalb jeder Jude, wie er auch religiös eingestellt ist, wie er politisch denken mag, sich an diesem Werk beteiligen soll. Es ist keine Tache von hcni und morgen. Als die Inden, ans Aegypten zogen, da brauchten iie l>> Jahre, »in nach Palästina,zn kvinnien. Man konnte es auch damals s.lin.ller machen, aber es ist geiagl worden, daß die Inden, die in Aegypten gelebt haben nnd die von ägyptischer M»ltnr waren die keine schlechtere Mullur war. »nr diu' andere , daß diese Inden nicht ein »eins eigenes Land ausbauen konnten, erst die » ä ch st e G c n e» a : i o » war dazu bestimmt. Alle Achtung vor dem Manne ans Lodz, der heule de» Boden bebaut. Er ha: gute Resultate. Aber erst sein Tohn, der auf dem Boden ausgewachsen ist, der die Geheimnisse des

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