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Jüdisches Gemeindeblatt · 1931-11-15 · 22 (15.11.1931) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt
Volume
3 (1931)
Issue
22 (15.11.1931)
Date
1931-11-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHES GEMEINDEBLATT MITTEILUNGSBLATT DER ISRAELITISCHEN GEMEINDE AMTLICHES ORGAN DER GEMEINDEVERWALTUNG Das Jüdische Gemeindeblatt wird den Mitgliedern der Israelitischen Gemeinde Bremen unentgeltlich zugestellt l«Mnid nur ml» Quellenangabe und mit Genehmigung des Verteilen gestattet Vetlaesort Hassel BREMEN Verantwortlich für den lokalen Teil: M. Markreich Nr. 22 Bremen, den 15. November 1931 3. Jahrgang Kommt er, oder kommt er nicht? Wenn man die deutsche Presse der letzten Tage verfolgt und sich besonders für die Frage interessiert, ob mit einer Bcrnsnng von Nationalsozialisten in die Negierung für die nächste oder eine spätere Zeit zu rechnen ist, so wird man an das Bläiterznpsspicl erinnert, in welchem das Orakel befragt ivird. Tas gleiche leider' nicht so neckische Lpiel wird in der deutschen Tesscnilichkeit getrieben. Atvmml H i t l r r oder kommt er nicht? Und wenn er kommt, wann wird er kommen? Por zwei Wochen schien es nach den Ansprachen eines prominenten Zentrunissprcchers in Münster und nach der Antwort eines nationalsozialistischen Abgeordneten, namentlich, wenn man die Besnckie Hitlers bei Hiiidcnbnrg und (General Tchlcichcr in Betracht zog und sich den respektvollen Ton in Erinnerung znrückricf, den Reichskanzler Brüning in seiner Reichstagsrcde gegenüber Hitlers osfenem Brief fand, als ob nur Tage oder Wochen Tentschland von dem Augenblicke trenne», in welchem Tvvtcf oder ein anderer- Nationalsozialist das deutsche Reichsinnenininisterium verwalte» und die Partei die Amvarischasl auf Uebcrnahm« auch des höchsten Postens, nämlich des Reichs kanjleramtcs, erheben würde. Bor acht Tagen fand aber eine Tagung der Zenkriimslcitniig statt, in welcher Ai a a s und Brü n i n g das (berede von Akoalilivncn in das Reich der Märchen verwiesen und von den Naiionalsozialistcn al? einem Atviiglomc rat gesprochen wurde, mit dem mau keine ernste Politik treiben könne. All dieses Für und Wider wurde in Tentschland und auch im Auslände mit großer Aufmcrksainkeir verfolgt. Tie Absage des Zentrums auf ihrer Parteitagung wurde dahin gcdenlcl, daß mit Rücksicht auf die in schwebe befindlichen'außenpolitischen Perhandlungen weder Brüning noch Hitler sich mit dem Anschein belasten wollte», daß sie einander znskrcben. Brüning nicht, tveil er durch eine derartige Situation seine Berhandlriiigsfähigkeit bcgcnübcr Frankreich erschweren würde und Hitler nicht, weil cs ihm offenbar auf pZrniid seiner bisherige» Propaganda nicht im Traume einfallen kann, seine Unterschrift unter Abmachungen zu setzen, die getroffen werden müssen, und die er zum (gegenstände rücksichtsloser Alritif machen wird. Immerhin ging dprch die linken Parteien Tzutschlands und auch durch die jüdische» Atresse, ohne Unterschied deren parteimäßige Einstellung, ein Ausatmen, als die Absage des Zentrums an die Nationalsozialisten bekannt wurde. Cffen nitd zwischen den feilen wurde die Hossuung aus gesprochen, daß es bis;n einer Ucbernahmc der Negierung durch die Nationalsozialisten oder bis zu einer Teilnahme der Nazis an einer Negierung noch lange Weile habe >>nd man meinte, daß viel gewonnen sei, wenn man;V't gewonnen har. Man hofft ans einen Zerfall der Nationalsozialisten, man hasst ans ein Wunder, welches die Hakenkrenzlerpariei zerschmettern wird und Übersicht die Tatsache, daß die Nationalsozialisten von Wahl;n Wahl an Einfluß und stimmenzahl gewinnen. Man übersieht scrner, daß die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit einer schließlichcn verain wörtlichen Beteiligung der Nationalsozialisten an der Neichsregie rnng und in der Folge ipohl auch in der Negierung Preußens schon heule lähmend wirkt und Erscheinungen zeitigt, die im alltäg lichcn Leben sich besonders schwer gegen diejenigen Elemente ans wirken, denen die Todfeindschaft der Nationalsozialisten gilt. Fn dieser Hinsicht war der; weit e Ai n r s ü r st e n d a m m Prozeß, in welchem die Angeklagten (graf Helldvrf und Ernß zu je sechs Monate (N'sängnis verurteilt und auf Antrag der Bertcidigung -ins der Haft entlassen wurden, lehrreich genug. Man erinnert! sich, mir welcher Entschiedenheit im ersten Prozeß, sowohl der (äerichlsvorsitzende wie auch der zweite Staats anwalt das Problem der Ainriür'lendamm Airawalle angepack't ha den. Als es dann zur Berhandlnng über den Einspruch der nativ nalsozialistischen Ncchtsanwältc gegen den Borsitzenden int ersten Ailirsürstcndamm-Prozes; kam, den die Nazi' als befangen ab lehnte», erlebte man, daß diesem Einspruch siattgegebe» iviude. Es kann keinem Menschen einsallen zu behaupten, daß diese Enl'Mei dnng des Berliner Aiämniergerichles irgendwie durch außerhalb des (Berichtes stehende Faktoren und außerhalb des Neckues liegende Argumente znslandegcköininen ist. Fmmerhin ivar die allgemeine Atmosphäre ei» bißchen anders geivorden, lind das mag erkläre», tvarnnz der zweite Ainririrslendainm Prozeß gegen Helldvrf und E>envjse» wegen der Ansühreriaiait bei de» Ainrfiirslerdainni >!ra wallen im Tone und in skandiernng io anders ansge'ehen Kai als der erste. Tazu bat ivolrl auch der ttmslank beigetragen, daß die Nationalsozialistische Partei beim zweiten Prozeß mit ihre» stärkste» Alanonen anfgefahre» ist. Als Perleidiger snngienen der Fnstitiar der Nazis, der Ne:chslag»abgeord»e:e Frank ans Münchei! und der Nechtsanwal: Freisler ans M.iiid. Beide bemühten sich vor (gerächt, die Legalität der Naiion.riiozialisir» zu betonen. Ta die Naiionalsozialisle» immerhin in ernster Atombinatiön stehen, regierungsfähig zu werde», so kann man doch nieln ohne weiteres einen Grasen Helldvrf mit dem Führer einer zügellosen, revolutionären, die >besetze des Ttaales grundsätzlich leugnende» Rotte vergleichen. Mail muß es den Nationalsozialisten glauben, daß sie momentan den ernsten Wille» haben, legal zu sein. Tenn und darüber kann cs wohl nicht allzu viele Zweifel geben auch auf diesem Wege können sie zu ihrem;>icl gelangen. Wenn der Nazivcrtcidigei am 7. ^November in Berlin vor Bericht er klärt hat, daß seine Partei im deutschen Bolle Ir! Millionen An Hänger habe, so ist das leider wahr und eine Tatsache, die man nicht gut in Abrede stellen kann. Hai man aber eine derartige Anhängerschaft hinter sich, dann brauch: man wirklich keine Alra walle niid Tkandale, nm ans Unnoegen und durch Hinterpsorte» zur Macht zu gelangen, sondern da wandelt inan die breite, bc quemc Elranssee der bestehenden Eiiirichtnnge», d.r Landesparlä mente »nd des Reichstages und gelangt dülri», wohin man gestrebt har. nämlich zni Erreichung der Macht. Tb man nach Erlangung der Macht auch iveiler legal bleiben ivird, ob man. einmal an die Tpitze gelang:, sich dann durch Abstimmungen ans der Marli: >v:rd drängen lassen, jsi eine Frage, über die man ernstlisli nachd-nke» sollte. Tas Beispiel des Faschisnurs irr Ftalien laß: be'»r-b:en, daß .Hitler und seine Leine, einmal zur Macht.gelang:, i'ie.iiirlir ans der Hand geben werden, wenn „legale Porans'etznngeN". wie Abslimniungen und Wahlen, das von ilme» fordein iverden. Tie Titnation der Fndcn angesichts dieser Entivicklnngsmög lichkeitcn ausführlich;» schilderir, sei für ein andere - Mal vorbe halten. Natürlich iverden die Nazis, ivie zuletzt einer ihrer her vorragendslen Redner in Berlin erklärte, z>rr Macki gelangt, keine aniijiidische Pogrome veranstalte». Es gib: ganz andere Mittel und Wege, um deu .Fudeu in Tentichlard das Leben^unerträglich zu machen.. Bor Fahreir sprach eins Statthalter im oi'lerrsichiülie» Neichsra: den Esrundiatz ans, daß ein >(»l:s»r.aud sich davor hüten müsse, gegen Fnde» Pogrome;» veranstalten oder solche zu diil. den, >vie es in Rußland vorgelonruien ist. Er» A(r>l:nrländ habe andere Wege zu gehen,;. B. den Weg der B i e-n e n p o l i: t f. Befragt, was das bedeuten solle, erklärte jener Ttatthalter, er hieß Aiorjivivski: „Weit» man Bienen los iverden ivill, io entzieht, man ihnen die Nahrung und räuchert sie aus, ohrze sie zu ver brennen." Thne läesetze kann eine Berwaltnng besiinimten Airei r!en der Bevölkerring dermaßen znsetzen, das; »ia>: das L-be» als Hölle empsinde:. Man >nnß sich die:.''Mvglitbkeiien vor Angen halten und beizeiten.die Mitte! überlege::, um iich zur Wehr rtzen zu können, schließlich haben die Fiideri »ml> ganz anderen Mach len widerstanden »nd sind nicht vernig-det ivorden. Tie iverden, wenn sie nur entschlossen dazu sind, auch k'e politinh bo>en eiten irbersiehen, die niöglicherrveise schon iri absehbarer /,eii für sie in Tentschland Hereinbrechen können.

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